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Ärztin Stephanie Kail: „Ich habe aufgehört, Antidepressiva zu verschreiben“

Allgemeinmedizinerin Stephanie Kail (r.) mit Sozialwissenschaftlerin Nicole Katsioulis, Kabarettist Werner Brix und Ökologin Isabell Riedl (v. l.) beim Kick-Off.
Allgemeinmedizinerin Stephanie Kail (r.) mit Sozialwissenschaftlerin Nicole Katsioulis, Kabarettist Werner Brix und Ökologin Isabell Riedl (v. l.) beim Kick-Off.Caio Kauffmann
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Sie wolle keine Symptome mehr bekämpfen, sagt Allgemeinmedizinerin Stephanie Kail. Stattdessen will sie Menschen zum Handeln motivieren. Im November lädt sie mit Kabarettisten und Wissenschaftlerinnen zur Initiative „Kiss the Globe“.

Antidepressiva und Schlafmittel, das sind die Dinge, die viele ihrer Patienten wollten. Stephanie Kail hat aufgehört, sie einfach zu verschreiben.

Seit neun Jahren arbeitet die Allgemeinmedizinerin in einer Wahlarzt-Hausarzt-Ordination in der Wollzeile. „Mitten im Zentrum von Wien“, schildert sie, „ich habe mit lauter Menschen zu tun, die wirkliche Macher sind und viel auf die Beine gestellt haben und die immer mehr verzweifeln.“ Statt sie mit den erhofften Medikamenten zu versorgen, sagt Kail, wolle sie Menschen dazu motivieren, die Umstände anzupacken, die sie belasten. „Ich glaube, wir brauchen alle eine Mission, um gesund zu werden.“

Sprachrohr für Experten

Stephanie Kail selbst hat inzwischen eine solche Mission. „Kiss the Globe“ heißt ihre Initiative, mit der sie ihr Wissen um Burnout-Prävention „beim Organismus Erde“ ausprobieren will. Da wie dort gehe es darum, Prozesse zu ändern, um den totalen Systemschaden zu verhinden, erklärte sie beim Kick-Off bei Marco Simonis auf der Dominikanerbastei.

„Think, laugh, act“ ist das Motto, unter dem sie im November gemeinsam mit dem Kabarettisten Werner Brix ein Wochenende lang Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Michael Niavaranis Globe Vienna lädt. Es sei Zeit, findet sie, Wirtschaft und Wissenschaft auf unterhaltsame Weise eine Bühne geben, um in einer zunehmend wissenschaftsskeptischen Welt möglichst viele Menschen zu erreichen und mit Lösungsansätzen zu inspirieren.

Kail, die selbst zuvor schon an einem Burn-out entlanggeschrammt war, entwickelte die Idee mit einer Freundin, der Tierärztin Nicola Jöst. In der Landwirtschaft, berichtete diese, sei allein der Erhaltungsdruck mittlerweile so groß, „dass niemand mehr sinnvoll arbeiten kann. Vielen Tieren geht es nicht deshalb schlecht, weil die Besitzer, die Industrie oder die Politik das wollen. Es ist eigentlich niemand schuld, aber es ist eine Lose-lose-Situation.“

»Studien zeigen: Wer positiv gestimmt ist, ist besser gewappnet.«

Isabell Riedl

Ökologin

Aus dem Bereich Landwirtschaft kommt denn auch der Sponsor des Projekts, das Unternehmen von Biopionier Werner Lampert. Angesichts der vielen Krisen aus Selbstschutz geistig einfach abzuschalten sei verständlich, aber gefährlich, sagt Lampert-Mitarbeiterin und Ökologin Isabell Riedl. „Studien zeigen: Wer positiv gestimmt ist, ist besser gewappnet. Und Kunst und Kultur haben schon viele Revolutionen befeuert.“

Kabarettist Werner Brix vergleicht das Unterfangen mit einem Jazzkonzert in Saalfelden, das er einst erlebte. „Lauter Kapazunder, aber in den ersten 20 Minuten hat jeder nur für sich gespielt.“ Erst danach hätten die Musiker zueinander gefunden, und Großartiges sei entstanden. „Ich habe das Gefühl“, sagt er, „dass wir uns weltweit in diesen ersten 20 Minuten befinden.“ Was ihn ärgert: Schon vor 50 Jahren hätten Forschende um die heutigen Probleme Bescheid gewusst, „sie wurden aber als linkslinke Chaoten oder industriefeindlich abgestempelt.“ Nun sei es höchste Zeit, zuzuhören.

Late Night-Format

Geplant für den Samstagabend im November hat Brix ein Late Night-Format, bei dem Michael Niavarani und Nadja Maleh bzw. er selbst und die bayrische Kollegin Angela Ascher Forscherinnen und Forscher (durchaus auch ein bisschen provokant, wie er sagt) befragen. Erwartet werden etwa Glaziologin und Wissenschaftlerin des Jahres 2023 Andrea Fischer, der Cern-Teilchenphysiker Michael Hoch, Klimapsychologin Isolde Gottwald, Klimamediziner Heinz Fuchsig oder das neuseeländische Segler-Ehepaar Veronica und Nigel Jollands, das mit seinem Novara One Planet Project Küstengemeinden hilft, klimafit zu werden. Sozialwissenschaftlerin und Businesscoach ­Nicole Katsioulis wird Workshops zum Thema regenerative Wirtschaft bieten. „Ich glaube“, sagt sie, „dass Humor uns bei einer positiven Erneuerung sehr helfen kann.“

Sonntag für Jugendliche

Der zweite Tag von „Kiss the Globe“ ist dann mit einem eigenen Format Kindern und Jugendlichen gewidmet. Mit an Bord sind auch Institutionen wie das Naturhistorische Museum, das Mumok, das Architekturzentrum Wien, die Erfinder des Weltklimaspiels oder die Österreichische Computergesellschaft.

Weiter nach London und Berlin?

„Wir müssen verstehen, dass wir viel bewegen können, wenn wir umstellen“, sagt Initiatorin Kail, die mit „Kiss the Globe“ auch schon an internationale Veranstaltungen denkt, Brüssel, London und Berlin habe sie schon im Hinterkopf. Wie auch eine Art Datenbank, bei der sich Expertinnen und Engagierte mit ihren Fähigkeiten zur Verfügung stellen könnten. Sie selbst hat ihre Arbeit als Ärztin inzwischen auf 20 Prozent zurückgeschraubt. „Ich hatte das Gefühl, ich kann nicht mehr zuschauen, wenn ich doch eigentlich das Wissen und das Netzwerk hätte, um größere Hebel in Bewegung zu setzen.“

Das Feedback ihrer Patienten auf ihre „Rezepte“ sei übrigens positiv gewesen. „Es gibt niemanden, der am Ende eines solchen 15-Minuten-Gesprächs nicht überzeugt ist, dass er etwas tun kann.“ Viele, „aus der UNO, von Universitäten“, hätten in ihren Bereichen schon viel in Bewegung gebracht. „Ein bisschen stille Post haben wir schon bewirkt. Jetzt brauchen wir die große Bühne.“

Auf einen Blick

„Kiss the Globe“ ist eine Initiative, die Wissensvermittlung mit Unterhaltung verbinden will. Michael Niavarani, Nadja Maleh, Werner Brix und Angela Ascher sprechen mit Forschenden über Beispiele und Visionen. 23. und 24. November, Globe Wien. In Zukunft soll die Veranstaltung jährlich stattfinden. Tickets ab Mitte Juli unter kisstheglobe.org

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