Wort der Woche

Es wurlt im Boden

Abgesehen vom Regenwurm weiß man über die Bodenfauna und ihre Bedeutung für den Kohlenstoffkreislauf nur recht wenig. Die Wissenslücken sollten geschlossen werden, denn der Boden ist für den Klimaschutz wichtig.

Die Münze Österreich stellte kürzlich – als Manifest für die unverzichtbare Ressource Boden – die Silber-Niob-Münze „Edaphon“ vor, in dessen braunen Kern u. a. Wurzeln, Mineralien, Pilze, Schnecken und Würmer eingeprägt sind. „Edaphon“ (griech. „edaphos“, Erdboden) bezeichnet die Gesamtheit aller Bodenlebewesen – Mikroorganismen (Mikrobiom), Pflanzen (Flora) und Tieren (Fauna) –, es sorgt für den Abbau von abgestorbenen Lebewesen und die Rückführung der Bausteine in die natürlichen Stoffkreisläufe. So gelangt etwa ein Teil des Kohlenstoffes als CO2 in die Atmosphäre, ein anderer Teil verbleibt als Humus im Boden.

Dies ist in erster Linie dem Stoffwechsel von Mikroorganismen sowie chemischen Reaktionen mit Mineralien geschuldet. Aber auch Bodentiere haben daran großen Anteil, wie nun eine tschechisch-deutsch-französische Gruppe von Forschenden um Gerrit Angst herausgearbeitet hat. Relevant dabei sind drei Prozesse, an denen verschiedene Tierarten beteiligt sind. Erstens die biochemische Umwandlung: Frisst z. B. ein Regenwurm Pflanzenreste, gelangen Biomoleküle in veränderter Form im Kot wieder in den Boden, wo sie von Bakterien weiter abgebaut bzw. an Bodenpartikel gebunden werden. Ein zweiter Effekt ist die Verlagerung von organischem und mineralischem Material durch grabende Lebewesen, wie z. B. Käfer, Würmer oder Termiten. Sehr wichtig für den Bodenstoffwechsel ist überdies das Abgrasen von Pilz- und Bakterienrasen, die sich auf abgestorbener Biomasse bilden, durch Milben, Springschwänze oder Nematoden (Fadenwürmer). Insgesamt zeigt sich ein höchst komplexes Bild vieler ineinander verwobener Prozesse (Nature Communication, 17. 6.).

Eine überrasche Erkenntnis: Abgesehen vom Regenwurm, den schon Charles Darwin intensiv beforschte, gibt es zu den meisten Tierarten kaum detaillierte Forschungsergebnisse. Daher meinen Angst & Co, dass dringend eingehende Labor- und Feldstudien durchgeführt werden sollten. Dieses Wissen ist in mehrfacher Hinsicht höchst relevant: Es erlaubt zum einen bessere Einblicke in Veränderungen der Stoffkreisläufe in einem immer wärmer werdenden Klima, und es ist zum anderen mitentscheidend für den künftigen Klimaschutz: Böden sind eine wichtige Kohlenstoffsenke, sie speichern derzeit rund 1700 Milliarden Tonnen Kohlenstoff – das ist mehr als die Summe des Kohlenstoffs in der Atmosphäre und der Pflanzenbiomasse. Eine Stoßrichtung der Klimapolitik ist eine Steigerung der Kohlenstoffspeicherung im Boden etwa durch Humusaufbau („Carbon Farming“).

Allerdings sind dabei noch viele Details ungewiss. Die größte Wissenslücke ist laut Forschern der Mendel University Brno um Petr Blížkovský, dass unklar ist, wie lange der Kohlenstoff im Boden stabil bleibt (preprint SSRN 4725183) – das können nur einige Monate, aber auch hunderte Jahre sein, je nachdem, wie fest der Kohlenstoff an Minerale gebunden ist. Und dies wiederum hängt stark vom Zusammenspiel von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen im Boden ab.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist nun Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com
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