Verstoß gegen Ehrenkodex

Presserat rügt „Standard“ für Artikel zu Lena Schilling

Die Art und Weise, wie der „Standard“ über die EU-Spitzenkandidatin Schilling berichtet hat, verstoße gegen den Ehrenkodex.
Die Art und Weise, wie der „Standard“ über die EU-Spitzenkandidatin Schilling berichtet hat, verstoße gegen den Ehrenkodex. APA / APA / Tobias Steinmaurer
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Dem Presserat zufolge hat der „Standard“ mit seinem ersten Artikel über Lena Schillings mutmaßlich problematisches Verhalten gegen den Ehrenkodex verstoßen. Die Berichterstattung sei nicht ausgewogen gewesen.

Der „Standard“ hat zuerst berichtet, über das angeblich problematische Verhalten der grünen EU-Spitzenkandidatin Lena Schilling. Dieses schilderten mehrere Weggefährten Schillings im Artikel von 7. Mai 2024 anonym. Mitten im EU-Wahlkampf zog der Bericht eine breite mediale Debatte nach sich.

Konkret hat der „Standard“ darüber berichtet, dass Schilling über mehrere Personen im eigenen Freundeskreis wie auch im politischen Umfeld schwerwiegende Gerüchte und Unwahrheiten verbreitet habe. Sie habe sich über eine angebliche Fehlgeburt einer Freundin infolge häuslicher Gewalt geäußert, hierfür verweist das Medium auf eine vor Gericht vereinbarte Unterlassungserklärung. Auch soll Schilling Gerüchte über zwei Journalisten verbreitet haben: Einem privaten TV-Journalisten habe sie zu Unrecht Belästigungen vorgeworfen, mit einem anderen TV-Journalisten habe sie eine Affäre erfunden.

Der Artikel lebt von zahlreichen anonymisierten Zitaten, die in ihrer Gesamtheit ein sehr negatives Bild von Schilling zeichnen. Sie „hinterlasse verbrannte Erde“, so ein Zitat, ihr Verhalten sei „nicht normal“.

Mehrere Leserinnen und Leser haben sich infolge des Artikels an den Presserat gewandt, aus medienethischen Gründen. Vorgebracht wurde unter anderem, dass nicht alle veröffentlichten Informationen für die Öffentlichkeit relevant seien, und die Zitate allesamt von anonymen Personen stammen.

Keine gewissenhafte Zitierweise und Wiedergabe von Nachrichten

Der Presserat hat den Fall nun beurteilt, und ortet im Artikel des „Standard“ einen Verstoß gegen den Ehrenkodex, betreffend einer gewissenhaften und korrekten Wiedergabe von Nachrichten und einer gewissenhaften und korrekten Zitierweise (Punkt 2.1. und 2.2). Zwar sei es aus medienethischer Sicht möglich, die charakterliche Eignung einer Spitzenkandidatin für die Politik infrage zu stellen und die Öffentlichkeit über begründete Zweifel daran zu informieren, allerdings dürfe auch bei öffentlichem Interesse nicht die journalistische Sorgfaltspflicht außer Acht gelassen werden.

Die anonymisierten Zitate stammen von (ehemaligen) Mitstreitern Schillings und von Aktivisten der Klimabewegung, der sie selbst angehört hat. Dem Presserat zufolge sei es naheliegend, dass jene Informanten eigene (politische) Interessen verfolgen könnten, ihre Sichtweise dann subjektiv geprägt sei. Problematisch sei außerdem, dass der „Standard“-Bericht zahlreiche weitere Passagen und Zitate enthält, die ausschließlich persönliche Wertungen und Meinungen zu Lena Schilling enthalten.

Insgesamt entstehe bei den Leserinnen und Lesern der Eindruck, dass Lena Schilling „einen mangelhaften Charakter und möglicherweise sogar an psychischen Problemen leiden könnte“. Ein derartiger Vorwurf seitens eines Mediums sei auch gegenüber Politikerinnen und Politikern ungewöhnlich und wiegt unverhältnismäßig schwer. Das berufliche und soziale Fortkommen Schillings könnte so nachhaltig zu geschädigt werden. Nach Auffassung des Presserats hätte es eine ausgewogene bzw. faire Vorgehensweise erfordert, die Meinungen und Werturteile mit konkreten Sachverhalten in Bezug zu bringen. Ohne diese könnten sich die Leserinnen und Leser kein umfassendes eigenes Bild machen.

„Standard“ verteidigt Vorgehensweise

Was die anonymen Zitate betrifft, so seien sie zwar in bestimmten Gründen zulässig, eine Grenze sei allerdings dort erreicht, wo sie nur zur negativen Charakterzeichnung ohne ein damit einhergehendes Tatsachensubstrat dienen. „Bei zahlreichen Zitaten des Artikels kann der Senat ein derartiges Tatsachensubstrat nicht erkennen“, heißt es vonseiten des Presserats. Auf diese hätte man verzichten sollen.

Der „Standard“ verteidigte in einer in der Entscheidung veröffentlichten Stellungnahme seine Berichterstattung. Die erhobenen Vorwürfe hätten politische Relevanz, keiner der im Artikel erwähnten sei zudem bestritten worden. Die Anonymisierung der Zitate begründete das Medium damit, dass Informantinnen und Informanten andernfalls negative Konsequenzen zu befürchten gehabt hätten. Die Chefredaktion betonte, dass man die Vorhaltungen nicht nur „akribisch gegengecheckt“, sondern auch einer „umfassenden rechtlichen Überprüfung unterzogen“ habe. Man sei in der Lage, „vor Gericht in jedem einzelnen Punkt den Wahrheitsbeweis anzutreten“.(ag./red.)

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