Artenvielfalt

Audiogeräte speichern die Vogelstimmen in Obstgärten

Hier singt ein männlicher Hausrotschwanz im Apfelbaum.
Hier singt ein männlicher Hausrotschwanz im Apfelbaum.Philipp Muigg
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Ohren auf! Ein Team der Boku Wien etabliert eine simple technische Methode, um die Vogelfauna im Freiland zu überwachen. Kleine Aufnahmegeräte helfen bei der Auswertung, welcher Vogel in welcher Region zu hören ist.

Im Klimawandel verändern sich bestimmte Lebensräume“, sagt Eva Schöll vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Boku Wien. „In manchen Regionen wird es wärmer, was für einige Arten gut ist. Aber anderen Tierarten wird es zu viel.“ So verändert sich das Verbreitungsgebiet der Lebewesen, und das Team der Boku will erfassen, welche Vogelart in welcher Region vorkommt.

Als Hotspot für die Überwachung wählten die Forschenden Streuobstwiesen in ganz Österreich aus. Denn für die traditionellen Obstgärten (keine Monokulturen, keine Spaliere), die immer weniger werden, läuft bereits das große Projekt „DivMoSt“ an der Boku, finanziert vom Klimaschutzministerium und von der EU („Die Presse“ berichtete).

Von der Kohlmeise bis zum Wendehals

In dem Projekt wird die Artenvielfalt auf Streuobstflächen für Wildbienen, Tagfalter und Fledermäuse erkundet. „Und weil Obstbäume für viele Vogelarten so wichtig sind, nehmen wir diese Tiergruppe auch in den Fokus“, sagt Schöll. In den Höhlen alter Bäume nisten so häufige Arten wie die Kohlmeise, aber auch seltene wie der Wendehals oder Gartenrotschwanz, ganzjährige Gäste oder Zugvögel – die Vielfalt in Streuobstbeständen ist reichhaltig.

Bisher läuft die Erfassung von Vogelarten durch Kartierer und Kartiererinnen, also Fachleute, die mehrmals pro Jahr durch das Gelände schreiten und alles dokumentieren, was sie sehen und hören. Die Begehungen sind ein großer Aufwand und kostenintensiv. „Der Vorteil ist, dass wir sehr detaillierte Daten erhalten, sowohl zu den Arten, die vorkommen, als auch zum Bestand, also wie viele Individuen da sind“, sagt Schöll. Ihr Team arbeitet jetzt an einer technischen Hilfestellung für die Erfassung der Vogelarten im Freiland: Kleine Audiogeräte hängen in dieser Saison in 46 Flächen in ganz Österreich und nehmen die Geräusche der Streuobstwiesen auf.

„Diese Methode würde sich auch für Fledermäuse oder Heuschrecken eignen. Aber wir testen, wie es für Vögel klappt“, erzählt die Wildtierbiologin. Wie lang muss ein Audiogerät an einem Ort aufzeichnen, damit das Ergebnis gleich gut ist wie bei einem menschlichen Beobachter: Reichen zehn Minuten oder zwei Stunden, um die Artenvielfalt korrekt zu bestimmen?

Viele Vögel singen im Dialekt

Bisher klappen diese Auswertungen noch nicht exakt für jeden Vogel. „Bei einigen Arten gibt es regionale Dialekte, also Unterschiede im Gesang und Ruf. Das ist zum Beispiel bei der Goldammer bekannt: Sie variiert das Ende des Gesangs in verschiedenen Regionen“, weiß die Forscherin.

Mit solchen kostengünstigen Audiogeräten (der Firma AudioMoth) werden die Vogelstimmen aufgenommen.
Mit solchen kostengünstigen Audiogeräten (der Firma AudioMoth) werden die Vogelstimmen aufgenommen.

Daher ist das aktuelle Projekt so aufwendig, weil die gespeicherten Gesänge mit den Aufzeichnungen der Kartiererinnen und Kartierer abgeglichen werden und Art für Art wissenschaftlich betrachtet wird. „Die Audiogeräte können uns sagen, ob eine Vogelart in dem Gebiet erfasst wurde oder nicht. Sie geben uns keine Auskunft über den Bestand, also wie viele Tiere der Art vorkommen“, so Schöll. Das Projekt nutzt kleine und günstige Geräte, die mit drei Batterien und einer kleinen Speicherkarte vielseitig einsetzbar sind.

Zusammenarbeit mit USA und Deutschland

Bei der Auswertung greift das Wiener Team auf Technologie der TU Chemnitz und Cornell University, USA, zurück. Dort wurde eine App entwickelt, mit der Vogelarten über ihren Gesang identifiziert werden können. In der Analyse wird jeder Ruf in eine Bilddatei umgerechnet, die Frequenzen und Obertöne sichtbar macht. „In unserem Projekt geht eine Kollegin die Bilder händisch durch“, sagt Schöll. So werden künstliche Intelligenz und Algorithmen mit menschlicher Unterstützung für genauere Ergebnisse trainiert. „Damit schaffen wir eine weitere Datenbank, die für die Allgemeinheit offen sein soll“, sagt Schöll.

Eine mögliche Anwendung sieht sie im Naturschutz, wenn es um Gutachten von Planungsprojekten geht: „Für Fledermäuse sind Bat-Detektoren bereits anerkannt, sodass vor Bauprojekten abgeklärt wird, welche Fledermäuse in dem Gebiet vorkommen und ob gefährdete Arten dabei sind.“ Ähnliches könnte für die heimische Vogelfauna gelingen.

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