Reportage

„Was macht ihr da? Was soll das?“: Angespanntes Public Viewing beim Hauptbahnhof

Angespannte Stimmung am Wiener Hauptbahnhof.
Angespannte Stimmung am Wiener Hauptbahnhof.Die Presse / win
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Beim Public Viewing des Achtelfinalspiels der Österreicher gegen die Türkei in Wien-Favoriten war die Stimmung aufgeheizt. Nach Ende des Spiels dürften vor allem kurdische, syrische und türkische Gruppierungen aufeinandergetroffen sein. Die Polizei musste die Menge unter Kontrolle halten.

Der Schlusspfiff brachte keine Entspannung. „Türkiye Türkiye“, rief die Menge. Sie pfiff, schrie, jubelte, sprang herum, als die Türkei Österreich in der EM besiegte. Eine Gruppe junger Mädchen schwenkte türkische Fahnen. Ein Teil der Zuseher – vor allem diejenigen, die Kinder dabei hatten –, verließ aber relativ rasch den Vorplatz des Wiener Hauptbahnhofs. Aus gutem Grund.

Keine fünf Minuten später geriet die erste Gruppe Männer aneinander. Flaschen und Dosen flogen durch die Luft. Die Polizei rannte mit ihren Einsatzhelmen im Gänsemarsch durch die Menge, um die Streithähne zu trennen. Da brach an einer anderen Stelle schon das nächste Gemenge aus: Rufe, Geschrei und wieder Menschen, die plötzlich losrannten. Vor was? Vor wem? Das war nicht immer ersichtlich: Nur so viel: Wer nicht aufpasste, wurde gestoßen.

Reger Besucherstrom aus Favoriten

„Bleibt alle am Platz und beruhigt euch, dann gibt es hier eine Party“, hatte der Moderator des Public Viewings davor sinngemäß auf Türkisch noch versprochen. Die Party fand nie statt. Zwar standen vor dem Public Viewing Screen noch eine Gruppe Türken und feierte den Sieg, der Großteil hatte sich aber schon weit über den Platz hinaus, in Richtung Favoritenstraße, verstreut und schien zu warten, was nun passieren würde.

Ein ohnehin schon angespanntes Public Viewing ging am Dienstagabend am Wiener Hauptbahnhof damit zu Ende. Vor allem türkische Fans waren dafür zusammengekommen. Noch in der ersten Halbzeit herrschte ein steter Zustrom aus der Favoritenstraße, dabei hatten die ÖBB schon vor Beginn des EM-Achtelfinalspiels des ÖFB-Teams gegen die Türkei verkündet, dass der Platz voll sei. Da dieser jedoch nicht abgesperrt war, kümmerte das niemanden. 

Die Stimmung drohte zu kippen

In der Halbzeit – da stand es noch 1:0 für die Türkei – schien die Stimmung kurz zu kippen. Die Moderatoren hatten alle Mühe, die tobenden Fans mit ihren türkischen Fahnen in den Griff zu bekommen. „Hey Leute, Hey! Was macht‘s ihr da? Was soll das? Beruhigt‘s euch, beruhigt‘s euch“, appellierte der Sprecher nicht nur einmal in der Pause.

Als offenbar niemand auf ihn hören wollte, versuchte es ein Kollege auf Türkisch. Es gebe einige wenige hier, die andere provozieren, hieß es danach wieder auf Deutsch, „aber die beachtet man nicht. Weil was passiert dann? Dann verstummen sie. Wir sind hier wegen des Spiels. Lasst euch nicht durch einzelne Personen alles kaputt machen.“ Großer Jubel. Wenig später schritt die Polizei ein, um zwei Rädelsführer aus der Menge zu holen.

Viele Syrer schrien für Österreich

Dabei war das Publikum klar gespalten zwischen den großteils türkischen Fans und jenen, die Österreich unterstützten. Wobei das auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich war. Denn vor allem die syrische und irakische Community schien die österreichische Mannschaft mit Fahnen und Geschrei anzufeuern. Dazwischen mischten sich Senioren in beigen Jacken, junge Mädchen mit falschen Wimpern, Frauen mit Kindern, der Geruch von Rauch und eine Wolke an verschiedenen Männerparfums.

Als Österreich den Anschlusstreffer zum 1:2 erzielte, bebte ein Teil des Platzes, während der andere Teil sich empörte. Emotional ging es das ganze Spiel über zu. Die einen pfiffen, die anderen jubelten, schrien oder stöhnten, wie es sich für ein Public Viewing gehört. Dazwischen spielten kleine Buben und Mädchen in einem von den Veranstaltern aufgebauten Fußball-Käfig mit dem Ball.

Kläffende Polizeihunde im Einsatz

Nur als das Spiel zu Ende ging, drohte die Menge erneut zu eskalieren. Kurzzeitig wirkte die Situation gar bedrohlich am Platz. Unorganisiert sammelten sich Grüppchen zusammen, immer wieder rannten Menschen auf dem noch vollen Platz los, um sich vor irgendwelchen kleineren Scharmützeln oder der Polizei in Sicherheit zu bringen. Denn die war schnell mit Verstärkung aufgefahren – und bildeten immer wieder Kreise und Linien und Menschenmengen zu trennen. Fünf gefährlichen kläffende Polizeihunde an vorderster Fronten sollten dabei wohl – erfolgreich – zur Abschreckung dienen.

Dabei war selten klar, worum es genau ging. Nur so viel: „Die Türkei und Österreich hatten eine ganz normale Veranstaltung. Aber es sind dann syrische, irakische und kurdische Gruppierungen gekommen, mit terroristischen Flaggen der PKK. Sie haben Syrien geschrien und PKK geschrien und es ist zu Provokationen gekommen“, erklärte ein junger Mann der „Presse“. Da mischten sich prompt zwei junge Männer ein. „Ich komme aus Syrien und das sind keine Syrer. Die haben nichts mit Syrien zu tun“, erklärte einer.

Eine Katze an der Leine

Wenig später flog schon wieder eine Flasche durch die Luft. Zwei Männer – angeblich ein Kurde und ein Türke – diskutierten, während ein dritter Mann versuchte, den Streit zu schlichten. Kurz davor hatte sich ein Rettungssanitäter einen Weg durch die Menge regelrecht gebrüllt, um einen Teenagerbuben mit offensichtlichen Kreislaufproblemen ins Rettungsauto zu hieven.

Ohnehin schauten die meisten nur, zückten ihre Handys, um sofort alles mit Freunden und auf Social Media zu teilen. Vielleicht auch ein Video von jenem jungen Mann, der umringt von Freunden an diesem Abend seine Katze an einer Leine ausführte und seine Finger in ihrem dicken Fell vergrub.

Rund 1000 Türken feierten in Favoriten

Die Landespolizeidirektion fasste den Abend mit „kleineren Streitigkeiten“ und Zusammenstößen zwischen mehreren Personen zusammen. Konkrete Zahlen zu Festnahmen und Straftaten lagen in der Nacht auf Mittwoch noch nicht vor. Der Großteil der Fans habe sich nach Abpfiff jedenfalls in Richtung Innerfavoriten verlagert, hießt es seitens der Polizei. Dort feierten laut Augenzeugen spontan bis zu 1000 Personen im Bereich zwischen Reumannplatz und Keplerplatz den Sieg der türkischen Nationalmannschaft. Birol Kilic, Obmann der Türkischen Kulturgemeinde (TKG), der sich im Bereich zwischen Keplerplatz und Reumannplatz ein Bild von der Situation an Ort und Stelle machte, berichtete von friedlichen Siegesfeiern türkischer Anhänger „ohne gröbere Zwischenfälle“.

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