Ökologie

„Massiver Druck“ auf Wald durch neue Schädlinge

Aufarbeitung von Bruchholz, das durch Sturm, Schnee und Schädlingsbefall in einem Wald bei Elsbethen (Salzburg) entstanden ist.
Aufarbeitung von Bruchholz, das durch Sturm, Schnee und Schädlingsbefall in einem Wald bei Elsbethen (Salzburg) entstanden ist. APA /Barbara Gindl
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Seit zehn Jahren herrscht eine „Dauer-Borkenkäfer-Massenvermehrung“: Gernot Hoch vom Bundesforschungszentrum für Wald plädiert für einen pragmatischen Umgang mit Totholz. Besonders in den Niederungen Ostösterreichs stehen – auch aufgrund teils knapper Wasserressourcen – große Veränderungen des Waldbildes an.

Österreichs Wälder stecken in großen Veränderungen, die ihnen vor allem die rapide Temperaturzunahme, Extremwetter, eingeschleppte Arten und Krankheitserreger aufzwingen. Gleichzeitig erhofft sich mancher Akteur von ihnen Wunderdinge in Sachen Einlagerung von CO2 aus der Atmosphäre. Wie es künftig um die Waldgesundheit steht, hängt zu einem Gutteil davon ab, ob und wo sich die „dramatische Erwärmung“ einpendelt, so Gernot Hoch vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW).

In den vergangenen Jahren waren es vor allem Hitze und Trockenheit, heuer dann vielfach starke Niederschläge, mit denen vor allem die Wälder in Ostösterreich konfrontiert waren. Insgesamt könne man aktuell festhalten, dass sich in nur wenigen Jahrzehnten die Temperaturbedingungen hierzulande stark geändert haben, so der Leiter des Fachinstituts Waldschutz des BFW im Gespräch mit der APA. Zum Vergleich: Nachdem sich nun die Durchschnittstemperatur gegenüber früheren Jahren um rund zwei Grad Celsius erhöht hat, entspricht das in etwa einer Verschiebung in der Seehöhe um 200 bis 300 Höhenmeter.

Borkenkäfer vermehrt sich seit zehn Jahren in Massen

Es waren vor allem zwei Faktoren, die die Gesundheit des Waldes unter Druck geraten ließen: Der Klimawandel und das wiederholte Auftreten von „invasiven Schadorganismen. Beides gemeinsam setzt den Wald ganz massiv unter Druck“, so Hoch. Speziell die Unbill, die Borkenkäfer – allen voran der Buchdrucker (Ips typographus) – den fichtenreichen Wäldern in den vergangenen Jahren bringt, sei gut dokumentiert. Seit zehn Jahren könne man von einer „Dauer-Borkenkäfer-Massenvermehrung“ sprechen, so der Wissenschafter.

Sie sind nur wenige Millimeter groß. Treten sie aber in der Masse auf, ist ihre Wirkung verheerend: die Borkenkäfer.
Sie sind nur wenige Millimeter groß. Treten sie aber in der Masse auf, ist ihre Wirkung verheerend: die Borkenkäfer.APA / DPA / Irs / Comyan / Z1006 Matthias Hiekel

Aber auch andere Borkenkäfer-Arten können durch hohe Temperaturen und Trockenheit gestresste andere Wirtsbaumarten, wie Kiefer oder Tanne, leichter befallen. Dazu kommen diverse Pilzerkrankungen, wie das vor allem seit 2015 stark kursierende Kieferntriebsterben, das etwa die niederösterreichischen Schwarzkieferwälder schädigt, oder die aus Nordamerika stammende Rußrindenkrankheit am Ahornbaum. Beide Erreger können jahrelang in den Bäumen existieren, um dann vermehrt loszuschlagen, wenn diese Schwächen zeigen. „Massive Auswirkungen“ hatte ab 2005 auch das ebenfalls von einem Pilz ausgelöste Eschentriebsterben. Der Pilz wurde aus Ostasien eingeschleppt, mittlerweile ist diese Baumart stark bedroht.

Rasches Reagieren ist gefragt

Beim Blick auf die Bedrohungslage und die Ausfälle insgesamt plädiert der Experte für einen möglichst pragmatischen und regionalen Zugang zu der viel debattierten Frage, ob und wie viel Schad- und Bruchholz man im Wald belassen kann. Man müsse in Einzelfall einschätzen, ob vom Totholz noch „eine weitere Gefährdung für die gesunden Bäume ausgeht“. Hat man es mit Borkenkäfern zu tun, brauche es ein rasches Reagieren. Sind die Käfer schon draußen, könne ein solcher Baum auch im Wald belassen werden - wenn er nicht Menschen oder die Infrastruktur gefährdet. Dazu kommen noch wirtschaftliche Erwägungen. „Aus ökologischer Sicht ist ein gewisser Anteil an Totholz sicher sinnvoll“, so Hoch.

Alles in allem sei es „die große Dynamik und Schnelligkeit“ der Umweltveränderungen, die den Wäldern und ihren Bewirtschaftern zusetzen. „Wenn es gelingt, diesen Prozess zu verlangsamen und irgendwann einschleifen zu lassen, wird man ein neues Gleichgewicht herstellen können. Die Waldbewirtschafter denken hier auch schon voraus“, was etwa eine an künftige Klimabedingungen angepasste Baumarten-Zusammensetzung betrifft. Die Patentlösung ist aber nicht, einfach Bäume aus wärmeren, südlicheren Gefilden herzunehmen. Hier sei wissenschaftliche Unterstützung gefragt, erklärte Hoch.

Zumindest derzeit müssen diese Pflanzen nämlich mit den teils noch recht kalten Episoden im hiesigen Winter zurecht kommen. Transferiert man zudem vermehrt Pflanzenmaterial oder Saatgut, steige auch das Risiko, damit neue Schadorganismen zu verschleppen. Der Experte plädiert daher dafür, hier Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.

Den Wald nicht sich selbst überlassen

Besonders in den Niederungen Ostösterreichs stünden auch aufgrund teils knapper Wasserressourcen besonders große Veränderungen des Waldbildes an, erklärte Hoch. Dass der Wald hierzulande tatsächlich auch weiter als CO2-Senke und nicht als -Quelle fungiert, sei keineswegs ausgemacht. „Ich bin sehr skeptisch, dass es die Strategie sein kann, dass man den Wald einfach sich selbst überlässt, wachsen lässt, und damit ist die Speicherung dann auf Dauer gewährleistet“, sagte Hoch.

Auch ohne ein direktes Eingreifen des Menschen könne es bei dem rasanten Tempo der menschgemachten Erhitzung oder dem neuen Auftreten eingeschleppter Schadorganismen zu Ausfällen kommen. Außerdem: Nutzt man Holz in möglichst langlebigen Produkten, gelangt der Kohlenstoff darin für diese Zeit nicht in die Atmosphäre. So kann durch die Waldbewirtschaftung und vor allem langfristige Nutzung der Produkte die CO2-Bilanz beeinflusst werden. (APA)

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