Erinnerungen

Buch: Ein Menschenleben im Sog der Wirbelstürme

Ambivalenzen: Im Ersten Weltkrieg (Bild) geriet Josef Ackerl in russische Gefangenschaft, im Zweiten Weltkrieg war er Volkssturm-Mitglied, rettete aber zwei jüdische Männer vor dem sicheren Tod.
Ambivalenzen: Im Ersten Weltkrieg (Bild) geriet Josef Ackerl in russische Gefangenschaft, im Zweiten Weltkrieg war er Volkssturm-Mitglied, rettete aber zwei jüdische Männer vor dem sicheren Tod.APA / Comyan / Dpa
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Wie in den Geschichten des Kleinen die Geschichte des Großen sichtbar wird, zeigt der Historiker Ronald Posch am Beispiel des steirischen Bauern Josef Ackerl, der zwei Weltkriege erlebt hat.

In den Geschichtsbüchern sind es raumeinnehmende Kapitel: die letzten Jahre des Habsburger-Reichs, der Erste Weltkrieg, die Erste Republik, der Austrofaschismus, das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg. Blickt man aus der Gegenwart darauf, ist es schwer vorstellbar, wie die Menschen die geballten Extreme dieser gewaltvollen Zeit aushalten konnten. Der steirische Historiker Ronald Posch hat ein Schicksal herausgepickt und das Leben des Kleinbauern Josef Ackerl (1890–1979) vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse nachgezeichnet. Nicht aus der Distanz eines vermeintlich objektiven Forschers, sondern mittendrin in den Erzählungen von Bekannten und Familienmitgliedern samt ihren individuellen Verstrickungen. Die Ergebnisse sind kürzlich in Buchform erschienen („Das lange Gedächtnis des Josef Ackerl“, Böhlau-Verlag). 

Die Geschichte habe das Leben dieses Mannes nicht gestreift, sie habe ihn durchlöchert, schreibt Posch. „Josef Ackerl hatte ein Leben, das beispiellos war, und doch repräsentiert er ein Menschenleben des 20. Jahrhunderts, das vom Sog der Wirbelstürme mehrfach angesaugt und wieder ausgespuckt wurde.“ Redselig sei er gewesen und seine Erinnerungen habe er gern geteilt, „am liebsten im Gasthaus bei einem Glas Bier“.

Geschichte wird im Jetzt gemacht

Poschs Fokus gilt der Praxis des Doing History und der Frage, wie Menschen in der Gegenwart auf historische Erfahrungen und Geschichte zurückgreifen, unter anderem, um Identität zu konstruieren und Zusammenhalt überhaupt erst zu ermöglichen. Oder um es mit den Worten des Historikers Christian Heuer (Uni Graz) zu sagen, der einleitende Worte zu dem Buch beigesteuert hat: „An den Rändern, hinter dem Kleinen, dem Alltäglichen und Unbeachteten, versteckt sich manchmal eine ganze Welt.“

»Sein Verhalten beim Todesmarsch zeigt anschaulich, dass die Geschichte nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien einzuteilen ist, sondern dass es auch Bereiche dazwischen gibt. «

Ronald Posch,

Historiker

Posch war in seiner Schulzeit erstmals auf Josef Ackerl gestoßen – durch eine Anekdote, die in seiner Familie weitergereicht wurde. Ein Freund und entfernter Verwandter von Ackerl erzählte ihm von dessen Rückkehr nach dem Ersten Weltkrieg aus Russland, wo er bis 1920 in einem sibirischen Lager gefangen war. In der Grazer Bim zur Endstation in Mariatrost, so hieß es, hätte der Schaffner ihn um seine Fahrkarte gefragt. Darauf dieser nur: „Beim Hinfahren in den Krieg hab ich keine Karten gebraucht, und beim Heimfahren brauch ich jetzt auch keine.“ 

Zwei Budapester Juden versteckt

Zurück in seinem oststeirischen Heimatdorf Gschmaier wurde Josef Ackerl wieder zum Bauern. Sein Leben lang ist ihm die Angst vor der kommunistischen Weltrevolution geblieben. Später, als Sympathisant des Austrofaschismus und Nationalsozialismus, war er Vizebürgermeister von Gschmaier. Er begleitete als Mitglied des Volkssturms einen der Todesmärsche in das KZ Mauthausen. Zwei Budapester Juden rettete er dabei vor ihrem sicheren Tod, versteckte sie tagelang auf seinem Hof. 

Dieses moralisch richtige Verhalten ist in den Erinnerungen der Familie zentral. Posch, der die Erzählungen beständig mit Fakten abgeglichen hat, um sie historisch zu belegen, meint dazu: „Sein Verhalten beim Todesmarsch zeigt anschaulich, dass die Geschichte nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien einzuteilen ist, sondern dass es auch Bereiche dazwischen gibt. Diese Geschichte ist es auch, die Josef Ackerl so sympathisch macht.“ Der Graubereich lasse sie erst „im hellen historischen Licht erstrahlen“.

Ronald Posch:<strong> „Das lange Gedächtnis des Josef Ackerl“ </strong><u>(</u>Böhlau-Verlag, 328 Seiten, 37 Euro)
Ronald Posch: „Das lange Gedächtnis des Josef Ackerl“ (Böhlau-Verlag, 328 Seiten, 37 Euro)

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