Tiere in der Stadt

Wien und seine redseligen „Mäuse“

Großes Mausohr im Dachboden einer Kirche.
Großes Mausohr im Dachboden einer Kirche.Franz Christoph Robiller/Image Broker/Imago
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An warmen Sommerabenden erlöst die Fledermaus uns im leisen Flug von Stechmücken, doch im Quartier ist sie auch gern einmal gesprächig.

Ludwig heißt der kleine Kerl. Er ist noch keine vier Wochen alt, doch sein Appetit ist riesig. In absehbarer Zeit wird er lernen, wie er seine Flughäute nutzen kann: in einem Zelt mit Netzwänden und gepolstertem Boden.

Ludwig ist eine Weißrandfledermaus, die aus der Wochenstube – so nennt man die sommerlichen Gemeinschaftsquartiere von Fledermausmüttern – gestürzt ist. Derzeit befindet er sich in menschlicher Obhut, in der Fledermausstation Wien, einem ausschließlich spendenfinanzierten Verein, in einem Souterrain im sechsten Bezirk. Dort kümmern sich Tierpflegerinnen ehrenamtlich um hundert und mehr der fliegenden Säugetiere. Deren Obfrau Katharina Leibezeder kommt in den Sommermonaten auf kaum mehr als zwei Stunden Schlaf am Stück, denn in diesem Intervall müssen die Jungen von Hand mit einer Spritze gefüttert werden. 

Fledermaus jagt Vampir

Mit 22 von 28 heimischen Fledermausarten ist Wien nicht nur österreichische Bundes-, sondern auch eine europäische Fledermaushauptstadt. Als würden die Tiere ahnen, dass die Wienerinnen und Wiener solche sind, die sich allzu gern dem Nächtlichen zuwenden. Kulturgeschichtlich steckte man Fledermäuse zu Unrecht häufig in die Ecke des Dunklen, man denke nur an Francisco de Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, in dem Fledermäuse über einem Schlummernden aufziehen. In den nachtaktiven Flattertieren sahen alle möglichen Kulturen etwas Dämonisches. Zu den bekanntesten mit dem Aberglauben verbundenen Vorstellungen gehört die Gestalt des blutsaugenden Vampirs. Dabei ernähren sich die in Mitteleuropa heimischen Fledermäuse nahezu ausschließlich von Insekten und Pflanzen und erlösen uns von den eigentlichen Vampiren, den Stechmücken, wenn sie in der Dämmerung heißer Sommerabende in Hinterhöfen leise Jagd auf diese machen.

Das Insektenangebot der Donauauen, aber auch die Wälder rund um Wien und die alte Bausubstanz sind auch der eigentliche Grund, weshalb sich Alpenfledermaus, Großer Abendsegler, Zweifarbfledermaus und viele mehr in Wien wohlfühlen, beschreibt Markus Milchrahm, der an der Universität für Bodenkultur zu Fledermaus und Klimawandel forscht und auch bei der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung tätig ist, den Wiener Standortvorteil. Je nach Art wohnen sie in hohlen Bäumen, Fassadenspalten, Kellern oder – wie das Große Mausohr – auf Kirchendachböden.

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