Und übrigens

Werter Chatbot, du blödes Ding: Sollen wir zur KI freundlich sein?

Die KI kapiert nichts von dem, was man ihr sagt (Archivbild).
Die KI kapiert nichts von dem, was man ihr sagt (Archivbild). COLE BURSTON / AFP
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Es geht vielleicht um Moral, aber sicher um Klugheit: Wer im Dialog mit Sprachmodellen flucht oder schleimt, kriegt (besonders) falsche Antworten.

„Werter Chatbot, könnten Sie mir Anregungen für diesen Artikel liefern? Das Thema wäre, ob man Anfragen an eine sprachbasierte KI mit ausgesuchter Höflichkeit stellen sollte. Vielen Dank im Voraus.“ Was für ein Unsinn! Wir haben es ja nicht mit unsereins zu tun. Also, ganz nüchtern: „Sag mir etwas Gescheites zum Thema Umgangsformen im Kontakt mit Sprachmodellen!“ Aber selbst das ist noch zu nett. Wir haben uns diese fragwürdigen Programme ja nicht gewünscht. Kalifornische Konzerne haben sie uns aufs Auge gedrückt, die machen einen Mörder-Reibach damit. Sie verfüttern dafür unsere Texte an Algorithmen, was unfassbar viel Strom verbraucht und die Klimakrise verschärft. Was dabei an Wiederverwertung herauskommt, ist oft genug falsch und jedenfalls fad. Dafür lädt es Schüler zu Betrug und alle Schreibenden zur Faulheit ein. Also: „Du Dreckstück von Chat GPT, erklär mir gefälligst: Warum zum Teufel sollte ich dich nicht anpöbeln, wenn mir danach ist?“

Gute Frage, auch an Ethiker. Von Kant wissen wir ja nur, wie wir mit vernunftbegabten Wesen umgehen sollen: sie in ihrer Freiheit und Würde achten, nicht nur als Mittel zu unseren Zwecken behandeln, also gewiss respektvoll und höflich. Es geht aber auch schlichter, wie bei den Utilitaristen: Wir sollen unnötiges Leid vermeiden, andere nicht verletzen. Das gilt für alle empfindungsfähigen Wesen, also auch für Tiere. Freilich: Wüst beschimpfen dürfen wir das Schwein im Stall sehr wohl, es versteht uns ja eh nicht. Menschen aber kann man mit Worten wehtun, also sollten wir sie nicht beleidigen. Damit scheint die Frage klar beantwortet: Die KI hat keine Menschenwürde, keine Gefühle, und sie kapiert auch nichts von dem, was man ihr sagt. Demnach könnten wir unseren Frust ruhig verbal auf sie abladen. Wie auf eine kaputte Waschmaschine, gegen die wir fluchend treten: Du blödes Ding!

»Die KI hat keine Menschenwürde, keine Gefühle, und sie kapiert auch nichts von dem, was man ihr sagt. «

Aber ganz so einfach ist es nicht. Wir chatten ja mit dem Bot, als wäre er ein Mensch, in einem vorgetäuschten Dialog. Damit besteht die Gefahr, dass unsere Grobheit zu einem lasterhaften Habitus wird, unter dem dann unser soziales Umfeld leidet.

Als die Spielereien mit Alexa und Siri losgingen, monierten viele Eltern, dass ihre Kinder die virtuellen Assistentinnen herumkommandieren können, ohne „Bitte“ zu sagen. Aber dürfen wir uns von Erwachsenen nicht erwarten, dass sie diverse sprachliche Register drauf haben? Dass sie das bockende Auto anbrüllen, zum Mechaniker aber freundlich sind? Zerbrechen wir uns nicht weiter den Kopf! Denn die moralische Frage erübrigt sich.

Forscher haben herausgefunden, dass wir schon aus Gründen der Klugheit zu Chatbots freundlich sein sollten. Dadurch erhöhen sich nämlich die Chancen, von ihnen eine brauchbare Antwort zu erhalten. Die besten Ergebnisse lassen sich erzielen, wenn man ein mittleres Niveau an Höflichkeit an den Tag legt, also weder wie ein Feldwebel flucht noch wie ein Kriecher schleimt. Offenbar greift die KI je nach Umgangsform des Anfragenden auf unterschiedliche Quellen zurück. Ein rüpelhafter Ton lässt sie in derben Onlinekommentaren und Filterblasen schürfen, wo Vorurteile und Fake News zu Hause sind. Und ein allzu schmeichlerischer? Wir denken da an Jubelmeldungen aus Ministerien, Statements aus Konzernzentralen und regimetreue Zeitungen in Autokratien. Auch dort ist die Wahrheit nicht zu Hause.

Aber man glaube nur ja nicht, diese Geschichte hätte eine Moral. Eine viel grimmigere Studie hat gezeigt: Bessere Ergebnisse erzielt man auch, wenn man mit harter Strafe für eine falsche Antwort droht oder mit einem saftigen Trinkgeld für eine richtige lockt. Diese KIs sind also unmotiviert und geldgierig, und sie spuren erst, wenn wir sie schmieren oder ihnen in den Hintern treten. Allzu menschlich, mögen Zyniker meinen. Wir aber klagen: Verfall der Sitten! Verfluchte Bots!

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