Festspiele Reichenau

Don Juan als neurotischer Kindmann: Subtiler „Anatol“ in Reichenau

Aus der Episode „Weihnachtseinkäufe“: Anton Widauer als Anatol, Johanna Arrouas als Gabriele.
Aus der Episode „Weihnachtseinkäufe“: Anton Widauer als Anatol, Johanna Arrouas als Gabriele.Lalo Jodlbauer
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Feines, unprätentios inszeniertes Charakterschauspiel: Mit Schnitzlers „Anatol“ in der Regie von Michael Gampe zeigen die Festspiele Reichenau, was sie können.

„Ich bin ja auch ein Typus“, sagt Anatol einmal in gramer Einsicht. Tatsächlich ist diese erste literarische Figur Arthur Schnitzlers, zugleich seine direkteste Selbstspiegelung, eine komplett neurotisierte Spätform des Don-Giovanni-Typus. Den Stolz hat Anatol durch Zergrüblung seiner selbst ersetzt, den Übermut durch Melancholie, den listigen Diener Leporello durch einen zynischen Freund namens Max. Entsprechend erwartet ihn keine Höllenfahrt, höchstens eine Hochzeit. Wohl aber nur eine weitere Runde des Reigens, den er, ach!, ewig zu tanzen verurteilt ist, von einer Geliebten – besser: von einer ihn Liebenden – zur nächsten.

Leitmotiv: Cohens „Take This Waltz“

In ihrer stimmigen musikalischen Begleitung deutet Anna Starzinger – die selbst ironisch devot als Oberkellnerin auftritt – den Reigen sehr wienerisch als Walzer: mit Variationen über Leonard Cohens „Take This Waltz“. „Now in Vienna there’s ten pretty women, there’s a shoulder where death comes to cry“, so beginnt dieser wunderbare Song, und, abermals ach!, das passt natürlich perfekt. Einmal webt Starzinger die Melodie von „Maria durch ein Dornwald ging“ hinein, auch das passt, wenn auch, wie fast alles in diesem Stück, mit gehöriger Ironie: Das hätte er gern, der wehmütig-wehleidige Anatol, dass die Frauen, die dazu bestimmt sind, ihn „wahnsinnig zu lieben“, allesamt Schmerzensfrauen sind!

Eine habe er „wirklich zermalmt“, sagt er stolz bei der Durchsicht seines Registers bzw. seiner Fetischkiste mit Leporello bzw. Max in der schlicht „Episode“ genannten Episode. In einer anderen, „Abschiedssouper“ genannt, dreht eine Frau den Spieß um, den Anatol auf sie richtet. Er will sie abservieren und freut sich spürbar schon auf ihr Leid, doch sie kommt ihm zuvor und serviert ihn ab. Worauf er die Contenance verliert. Paula Nocker spielt diese selbstbewusste Vorstädterin hinreißend lebenslustig, quasi als Gegenpol zur bürgerlichen Ehefrau mit Sehnsucht nach Leben, die Johanna Arrouas ebenso überzeugend gibt. Überhaupt ist dieser Abend eine kleine Sternstunde des subtilen, unprätentiös inszenierten Rollenspiels. Also dessen, worauf man sich in Reichenau traditionellerweise versteht; das zu sehen, war gerade nach dem unpassend derben „Lumpazivagabundus“ eine Wohltat.

Anton Widauer in der Hauptrolle mag jene enttäuschen, die den Anatol als erwachsenen Mann sehen wollen, doch das ist er nicht, vielmehr ein ewig unreifer Bub, und den verkörpert Widauer perfekt. Claudius von Stolzmann ist ein fein abgebrühter Max mit Geheimnis: Ist er selbst erhaben über das, was Anatol Liebe nennt? Die größere Frage, die manche stellen werden: Kann man dieses Stück, das die Liebeswelt vor 140 Jahren so pointiert zeichnet, heute noch spielen, wo sich die Geschlechterrollen – zumindest anscheinend – so grundlegend geändert haben? Die Antwort ist klar: Man kann, wenn man kann. Gutes Theater braucht keine oberflächlichen Aktualisierungen, es kann uns auch mit vergangenem Stoff fesseln. In Reichenau kann man das.

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