Pop

Songs: Vergänglichkeit drängt

"Dear Heather", die neue Platte von Leonard Cohen: ein wunderbar schlichtes Alterswerk.

Und lass uns die Gespräche rascher treiben / Denn wir vergaßen ganz, dass du vergehst. Und es verschlug Begierde mir die Stimme": So innig wirkt sich in einem Gedicht Bert Brechts "die Entdeckung an einer jungen Frau" aus: eine graue Strähne im Haar. Der kanadische Dichter und Sänger Leonard Cohen ist nicht mehr jung, vor kurzem hat er seinen 70. Geburtstag gefeiert, und doch baut er auf den gleichen Lockruf der Vergänglichkeit, rührend in seinem neuen Song "Because Of". "Sie werden nackt, jede auf ihre Weise, und sie sagen: ,Sieh mich an, Leonard, sieh mich ein letztes Mal an', und sie biegen sich auf dem Bett, und sie bedecken mich wie ein fröstelndes Baby."

Was für eine Altmännerfantasie! Inspiriert wohl vom Buch der Könige: Der alte David kann "nicht warm werden, wenn man ihn auch mit Kleidern bedeckt", so sucht der Hofstaat eine Jungfrau, ihn zu wärmen. Eine letzte Abgeordnete der "Sisters of Mercy", eine letzte "Winter Lady", während, wie Cohen schon auf seiner ersten Platte, 1967, sang, die Nächte kälter werden.

Warum tun sie ihm das zuliebe, die Frauen? "Wegen einiger Lieder, in denen ich über ihr Geheimnis gesprochen habe", flüstert Cohen, und das ist nicht nur kokett, das glaubt er wirklich, und das stimmt, weil sie's auch glauben. Sie glauben's, weil für Cohen glaubhaft die Frauen im Zentrum stehen, Schwestern, Geliebte, Heldinnen, Suzanne, Jeanne d'Arc, bis zur Hundertjährigen in "Closing Time". Sie sammeln sich, und die Vergänglichkeit drängt. "Marietta please find me / I'm almost 30", lautete vor mehr als einem halben Leben ein Gedicht Cohens: Diese Dringlichkeit hat er sich erhalten, die Selbstironie, die mit dem Alter kommt, hat sie nicht zerstört. Immerhin, die Anekdote von der Freundin, die seine Lieder schon/noch kannte, weil ihre Mutter sie ihr an der Wiege vorgespielt hatte, hat er selbst verbreitet, vor auch schon wieder etlichen Jahren. Inzwischen war er im Kloster, hat lange geschwiegen, sich vor drei Jahren wieder in die Welt zurückgemeldet.

Nun also "Dear Heather", nach strenger Zählung Cohens elftes Studioalbum, vom ersten Kontrabass-Ton an eine Rückkehr an die Bar, mit dem schmiegsamsten Schlagzeug und seidigsten Saxofon auf Erden. Zugleich ein Abschied, zumindest das Vorspiel zu einem Abschied: "Love itself have rest", heißt es programmatisch im ersten Song, der Vertonung von Lord Byrons "So, We'll Go No More A-Roving". Cohen greift das Motiv in "The Faith" wieder auf: "So many graves to fill / O love, aren't you tired yet?"

Dass die Liebe selbst die Gräber füllt: ein tiefes Bild. Das Leben davor skizziert der alte Cohen flüchtiger, knapper denn je, der Titelsong besteht nur mehr aus fünf winterlichen Zeilen, "On That Day" sagt nur das Schlichteste zum Tag, an dem New York verwundet wurde, in "Morning Glory" murmelt Cohen zum Vibrafon, als lese er Regieanweisungen Samuel Becketts - bis es "I'm all ears" heißt und Anjani Thomas in ein kühles, herbes, keusches Lob des Morgens ausbricht. Dann wieder das Saxofon, weniger schwärmerisch jetzt, gerade, fast karg, und dann heißt die Bar bereits Himmel.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.