Als ob er das noch nötig hätte: Morrissey bewährt sich mit "You Are The Quarry" abermals als großer grantiger (Selbst-)Liebender des britischen Pop.
Amerika, dein Kopf ist zu groß, denn, Amerika, dein Bauch ist zu groß. Und ich liebe dich, ich wünschte nur, du bliebest, wo du bist": Was für ein Anfang! Mit diesen Worten, befördert durch eine (mindestens) staatstragende Gitarre und etliche Rhythmusgeräte in tragenden Nebenrollen, eröffnet der bald 45jährige Steven Patrick Morrissey eine Platte, die, wie bisher (fast) jede seiner Platten ein Bekenntnis-Werk im besten Sinn ist. In Form und Inhalt. Ab Montag zu kaufen.
Morrissey - der in guter Mittelschüler-Tradition nur mit dem Nachnamen firmiert - erklärt sich und die Welt und sich der Welt, darunter tat und tut er's nicht. Zunächst Amerika also, dem er seine Liebe so erklärt, dass es keine Freude damit haben kann ("Du kannst dir deinen Hamburger . . ."). Dann England: Er träumt "von einer Zeit, in der die Engländer von Labour und Torys genug haben und auf den Namen Oliver Cromwell spucken". Und dann, schon im dritten Song, Jesus Christus: Warum hat er ihm, dem alten Morrissey, so viel Sehnsucht gegeben, die er nirgendwo abladen kann? "Hasst du mich?"
Aber Morrissey verzeiht, auch Jesus, vielleicht sogar dem Untam Amerika. Auch all den Kleingläubigen, den "crashing bores", die glauben, ihn verstehen zu können, ihn, der doch der einzige hier ist, der ich ist. Wunderbare solipsistische Spintisierereien eines großen Ego! "Bigmouth strikes again" hieß einer der wesentlichen Songs, die er mit seiner Band "The Smiths" aufnahm, und damals fühlte er sich schon wie die heilige Johanna, oder als Junge mit dem Dorn in der Seite . . . - Heiliger Sebastian!
Selten verstärkt Selbstironie die Größe eines Charakters. Morrissey ist so ein Fall. Schon als er anfing mit den "Smiths", 1982, mit seiner charakteristischen klaren, schwerelos durch die Melodien psalmodierenden Stimme, forderte er größten Respekt ein für seinen juvenilen Weltschmerz, für seine Marotten, Keuschheitsgelübde und Fleischentsagungen, seine Fantasien von Treffen mit Keats und Yeats am Friedhofstor, von stilvollem Leben und glamourösem Sterben, von der Verweigerung, sich fortzupflanzen in dieser schnöden Welt ("The end of the family line", natürlich mit "incredible style"). Man gab ihm den Respekt, diesem Lord honoris causa des britischen Pop. Und er bedankte sich mit feinsinnigen Grobheiten, bis hin zu schon nicht mehr korrekten Grüßen an Premierministerin Thatcher ("Margaret On The Guillotine").
Das Großartige am Pop, wie ihn der Rock'n'Roll hervorgebracht hat, ist, dass junge Männer (und manchmal Frauen) mit solchen Attitüden durchkamen, die in anderen Kulturen nur den alten Männern ziemen. "The young man, he's got nothing in the world these days!": Mit diesem Aufschrei Eddie Cochrans ("Summertime Blues"), 1957, begann es, und gipfelte in - Achtung, Ironie - Misstrauen gegen alle über 30. Morrissey war in all seinem gepflegten Manierismus, all seinen Dandy-Tändeleien, Oscar-Wilde-Posen, einer der letzten zornigen jungen Männer, die der Pop hervorgebracht hat. Nach ihm waren sie alle bescheiden, viel zu bescheiden.
Jetzt ist er auch schon alt - und noch immer altklug. Er lebt, man glaubt es kaum, in Los Angeles, nimmt den Mund noch immer voll - und singt wie eine Lerche, vielleicht etwas tiefer. Bis endlich die nächsten Jungen kommen und glaubhaft an diesem Denkmal rütteln: Respekt.