Butch Morris beschloss die 25. "Konfrontationen" in Nickelsdorf mit einem Furioso: Free Jazz nach dem Verlust seiner letzten Unschuldsreste.
"Ascension" (Himmelfahrt) hieß 1967 eine der großen Aufnahmen des Free Jazz, doch das Ideal dieser Kunst ist pfingstlich: Alle predigen in ihren Zungen, was der Geist ihnen gibt, gemeinsam ergibt sich ein Brausen wie von einem gewaltigen Wind, der das ganze Haus erfüllt (Apg. 2, 2-4).
Das heißt auch: Spontanität, in sich Horchen, das Innere nach Außen kehren, Terminus technicus: freie Improvisation. Das hat anfangs funktioniert, in den sechziger Jahren, als der Impetus der Befreiung noch frisch war. Aber wer soll sich heute noch musikalisch befreien? Wie? Und wovon? Von den "Fesseln der Tonalität"? Klingt wie ein Witz von gestern. Das ist die Crux des Free Jazz, alle Jahre wieder in Nickelsdorf. Kann jemand immer wieder dieselben Fesseln sprengen? Ist dieser Sisyphos glücklich zu nennen?
Gar nicht glücklich, schon gar nicht inbrünstig, sondern gelangweilt wirkte etwa am Sonntag die akustische Pantomime der Herren Koch, Schütz, Studer und Minton. Man traf einander, um die alten Mätzchen, die längst zu Reflexen gewordenen Ausbrüche einmal mehr vorzuführen. Und das in übler Laune. Der alte Stimmkünstler Phil Minton konzentrierte sich an diesem frühen Abend programmatisch auf Laute des Unbehagens, Angespeistseins, ja: Grausens. Irgendwie ehrlich.
Wesentlich inspirierter und motivierter dann die drei Damen von "Les diaboliques": Vor allem Irène Schweizer am Klavier sorgte für Stringenz, Sängerin Maggie Nicols schwelgte in Fermaten am Rand der Lautlosigkeit, in "arabischen" Kehllauten, auch in kindischen Exzessen - erst, wenn's dann allzu ironisch wurde, fing sie sich in Routine-Glossolalie.
Keine Ironie, schon gar keine Langeweile dann, schon round about midnight, die "Conduction 140": Butch Morris, im "Loft Jazz" Ende der siebziger Jahre groß geworden, dirigierte eine 13köpfige Schar von Querköpfen verschiedenster Provenienz. Was heißt, er dirigierte? Er entfachte Blitze, die das Orchester durchzuckten, von links nach rechts, von rechts nach links, als könnte er die Luft über die Bühne galvanisieren. Christoph Kurzmann und Cordula Böse trugen via Computer und Flöte zur Aufladung der Atmosphäre bei; die Trommeln prügelten Tony Buck und Paul Lovens (der tatsächlich schon seinen festen Wohnsitz in Nickelsdorf hat, so heimisch ist der Free Jazz hier). Wie ständig berstende Kondensatoren wirkten vor allem Andy Moor und Terrie Ex, die beiden Gitarristen der holländischen Free-Punk-Band "The Ex": Was für präzise Tobsüchtige!
Präzision im Ausbruch, Genauigkeit im Anfall: Durch diesen produktiven Widerspruch wurde hier der Free Jazz wieder lebendig. Eben weil das diktatorische Dirigat von Butch Morris die romantischen Klischees der freien Improvisation Lügen strafte. So, mit diesem Impuls, könnte man jederzeit Colemans "Free Jazz" aufführen. Oder Albert Aylers Gebete. Oder Coltranes "Ascension" . . .
Die Wurzeln dieses Werks - denn das war es - liegen freilich auch anderswo: in den Annäherung der extremen Spielarten des Metal ("Napalm Death"!) und Hardcore-Punk ("Nomeansno"!) an den Jazz und umgekehrt, in John Zorns Versuchen leidenschaftlicher Organisation. "Cobra" nannte Zorn sein Dirigat, verspielt wirkte das damals. Sagen wir so: Aus dem Spiel ist Ernst geworden, zumindest am Ende der heurigen "Konfrontationen". Roll on, Sisyphos!