Kommentar

Rolling Loud: Warum lassen sich die Teenager das gefallen?

Massen bei „Rolling Loud Europe“ im Magna Racino in Ebreichsdorf: Die Heimreise war ein gehöriges logistisches Problem.
Massen bei „Rolling Loud Europe“ im Magna Racino in Ebreichsdorf: Die Heimreise war ein gehöriges logistisches Problem.APA/Florian Wieser
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Zwischen Zäunen eingepferchte Besucher, deutsche Brüllautoritäten und säuselnd verbietende KI-Stimmen: Das Hip-Hop-Festival war überreguliert.

So ehrlich muss man sein: Das Chaos rund um die Abreise vom Hiphop-Festival Rolling Loud in Ebreichsdorf haben die ÖBB zu verantworten. Wenn vereinbarte Sonderzüge ausbleiben, kann auch ein so penibel planender Festivalveranstalter wie Live Nation nichts ausrichten. In einer eiligen Aussendung Sonntagmittag versuchte er klarzumachen, dass sein Festival besser dastand als Nova Rock und Frequency, wo es Abreisezeiten von bis zu fünf Stunden gibt. Mit scharfen Worten wehrte man sich gegen „Falschbehauptungen“ von Oe24. Zwei Worte waren in Blockbuchstaben gedruckt: „Sensationell“ und „Chaos“.

Ersteres war das Prädikat der Behörde über die Abreisen am Freitag und Samstag. Der dramatische Sonntag war da nicht eingearbeitet. Den am Bahnhof Gestrandeten wurde immerhin Wasser und moralischer Zuspruch gereicht. Panik herrschte zu keinem Zeitpunkt, darauf lege man Wert. „Daher verbieten wir uns die Abreise mit ,Chaos‘ zu betiteln.“ Da war wohl „verbitten“ gemeint. Mögen die Deutschen ihre Muttersprache auch nicht mehr perfekt beherrschen, Organisation können sie immer noch.

»Das Chaos rund um die Abreise am Sonntag haben die ÖBB zu verantworten. «

Zu beklagen ist vielmehr ein ungehemmter Drall in Richtung Überregulierung. Statt wie bei Frequency oder Nova Rock frei zwischen den Bühnen herumflanieren zu können, waren die Besucher beim Rolling Loud hinter Zäunen eingepfercht. Das erzeugte Menschenstaus und weite Umwege. Wenn ein Ordner außerhalb der offiziellen Auslässe ein paar Leute durchschlüpfen ließ, war flugs eine bundesdeutsche Brüllautorität da und machte den vernünftig Agierenden zur Sau. Noch ärger waren die KI-Stimmen, die über Lautsprecher Verhaltensregeln für die Jugendlichen heruntersäuselten: „Crowd Surfing, Wall of Death und Circle Pit gefährden euch selbst und andere und sind deshalb verboten!“ lautete eine der Botschaften, die geflissentlich ungehört blieben. Vital wurde der Moshpit zelebriert, das wilde Tanzritual vor der Bühne.

Bier um acht Euro

Insgesamt aber gibt der Langmut der Teenager Rätsel auf. Nichts ging am Festivalgelände locker vor sich, im Gegenteil: Die Regeln des Alltags waren entscheidend verschärft. Erhöht war zudem das Preisgefüge für die zarte toxische Entgrenzung: Acht Euro hatten die Kids pro 0,5 Liter Hopfenkaltschale zu blechen. Solche Labung beruhigte zwar kurzfristig, aber fürs permanente Anstellen brauchte es ein stoisches Gemüt.

Die wenigen älteren Musikfreunde, die sich auf diesen Staubfeldern nahe der eigentlichen Rennbahn einfanden, bekamen feuchte Augen, wenn sie sich an die friedliche Anarchie auf den Festivals der 1970er-Jahre erinnerten. Damals lief im Fernsehen auch eine britische Serie namens „Nummer 6“. In ihr irrte Patrick McGoohan in einem totalitär überwachten, künstlichen Paradies umher. Glückte McGoohan einmal die Flucht nach London, wurde er flugs wieder eingefangen und ins falsche Idyll zurückgebracht. Ähnlich ergeht es den jungen Musikfans von heute: Rolling Loud lockt auch 2025 nach Ebreichsdorf.

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