Peter Gabriel in der Wiener Stadthalle: Schwermut, perfekt arrangiert.
"Die Unterwelt treibt nach oben, Stahlwolken am Himmel toben, wenn Nägel durch die Wolken schlagen, beginnt der erste von den letzten Tagen. Ja, jetzt kommt die Flut . . ." Nun, so schlimm kam es doch nicht in der schütter gefüllten Wiener Stadthalle, es kam nur ein Peter-Gabriel-Konzert, ein optisch recht interessantes dazu. Robert Lepage, derzeit auch bei den Wiener Festwochen, hat dem alten Apokalyptiker - der programmatisch mit der deutschen Version von "Here Comes The Flood" eröffnete - eine runde, drehbare Bühne gebaut. Erfreulich unbarock im Design, aber mit Unter- und Oberwelt: Dort kletterten die viel beschäftigten Bühnenarbeiter heraus, hier schwebte ein Ballon, der Gabriel als Himmel und auch als Fitnessgerät diente.
Denn dieser, einst bei "Genesis" ein Mann der Masken, trägt nun permanent ein ernstes Gesicht, das mitunter im Ausdruck an Lenin-Büsten gemahnt, bemüht sich aber umso mehr um ungewöhnliche Stellungen: Man sah ihn auf dem Fahrrad, verkehrt hängend, in einer Kugel laufend - immer dabei unbeirrt singend, mit seiner eigentümlich nasal geknödelten, nur der seines "Genesis"-Nachfolgers Phil Collins ähnelnden Stimme. Die selten bis nie von Erfreulichem kündet: Wenn Gabriel einmal in seinen Songs nicht völlig schwermütig ist, dann zumindest phlegmatisch. Selbst die an sich sinnlichen "Games Without Frontiers" wurden live zu bedächtig exerzierten Manövern der Besinnlichkeit.
"The deeper I go, the darker it gets", hieß es gleich in der zweiten Nummer, und dann fiel schon der rote Regen: Die Umwelt ist bei Gabriel bedroht und feindlich zugleich. Eine Lose-lose-Situation sozusagen.
Schnell darf bei ihm jedenfalls nicht einmal die Katastrophe verlaufen: So wenige Beats pro Minute hat man in der Stadthalle wohl schon lange nicht mehr gezählt. Und die Flut, von der er eingangs sang, ergoss sich in Form der Klang-Meere, von denen er nicht lassen kann: Sie waren der Grund, warum Gabriel auch Ende der Siebzigerjahre, als er sonst recht progressiv sang und klang, zur alten Bombast-Garde gerechnet wurde und nicht zur neuen Welle.
Die Geräte, in denen sich diese Üppigkeit materialisierte, standen von Beginn an dräuend und blinkend auf der Bühne: die Poly-multi-mega-super-Synthesizer, die jeden Alleinunterhalter zum Analog-Demiurgen von eigenen Gnaden machen. "Signal To Noise" war die letzte Nummer vor den Zugaben: Doch an wirklichen, wütenden Lärm wagt sich Gabriel nie, es muss immer ein wenig salbungsvoll klingen, wie die Predigten, die er zwischendurch hält.
Davor schon hatte sich der "Sledgehammer", einst ein Hit, hernieder gesenkt: Die Musiker, darunter Bassist Tony Levin im schwarzen Umhang sowie Ged Lynch, der Mann mit dem schwersten Schlag seit Hephaistos, hatten Peter Gabriel nach Kräften unterstützt. Mangelnde Perfektion kann man ihm gewiss nicht vorwerfen.