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Pop: In einer Art von trunkenem Universum

Die "Einstürzenden Neubauten" füllten das Wiener WUK. Und Blixa Bargeld war zufrieden. Mit sich und der Welt.

Wie glücklich - und doch ein wenig verlegen - sind wir, wenn wir hinter Mauern von Alltagsrealismus und praktischer Vernunft Reste unseres pubertären Ichs aufblitzen sehen! Und wie schade ist es doch, dass die meisten damals, in der Zeit der Hormone und Gedichte, kein Tagebuch geführt haben, das nun direkt aus dieser Zeit sprechen könnte!

Christian Emmerich vulgo Blixa Bargeld hat dieses Problem nicht: Er hat sich sein pubertäres Ich gut konserviert, es all die Achtziger-, Neunziger- und Nullerjahre hindurch gepäppelt und gestreichelt, eifrig gegossen, einst mit Opiaten, später mit gutem Rotwein. Sein Tagebuch kennt Schmerzen, ach!, wie viele!, wie exklusive!, aber keine Brüche, nur einen kontinuierlichen Anstieg: seiner Selbstzufriedenheit.

"Ich drehte mich um und um und um in meinem taumelnden Mittelpunkt dieses Geschehens, in das es mich hier nun mal verschlagen hatte, in einer Art von trunkenem Universum", skandiert Bargeld in "Selbstportrait mit Kater". Es geht um ein Räuschlein, passt aber auch auf sein nüchternes lyrisches Ich: Dieser Mann nimmt sich, gerade in Momenten der Selbstironie, als Künstlerpersönlichkeit so gnadenlos ernst wie in Österreich nur Andr© Heller. Es würde nicht wundern, stünde auch in seinem Pass die Berufsbezeichnung "Poet".

Da stand er also, der Poet aus der Ex-Mauerstadt, auf der Bühne eines Etablissements, das Sentimentale an die Kulissen der besetzten Häuser im Berlin der frühen Achtzigerjahre erinnern mag, an die Szenerie also, in der sich der junge, dürre Blixa als leidendes Industriekind entdeckte, das in Müllhalden nach den Sternen greift. Da stand er also, der Poet, feister geworden, nicht mehr, wie er einst konstatierte, "verkümmert im Tageslicht", und musste sich ärgern: über dumme Zwischenrufer, die man leider nicht des Saales verweisen lassen kann, weil . . . - verfluchte U-Kultur! Ja, hat man das nötig? Noch dazu in "einer der morbidesten Städte der Welt, voller Obsessionen von Tod und Unsterblichkeit".

Ja, wirklich, so sprach er, der Poet, schon wieder etwas gnädiger. Und freute sich mit seinen Anhängern, darunter zwei, drei Damen in großer Gothic-Garderobe, wenn das typische Neubauten-Gerassel, -Geschepper und -Geklapper doch auf Touren kam, während sich hinten auf der Bühne der Plastikabfallkübel - "Perpetuum mobile"! Achtung! Ironie! - drehte. Da funktionierte es wieder, Bargelds own private Bayreuth, dessen Szene längst nicht mehr an Müllplätze erinnert, sondern an Weltmusik-Workshops mit Werkstätten-Kultur-Attest. Auch so gesehen okay im WUK also.

Auf der nach oben offenen Richterskala erreichten Bargeld und Knechte - rührend: Alex Hacke, der immer mehr wie die Deutschhippie-Ausgabe von Obelix aussieht - gewiss nicht mehr fünf Punkte, und von Hören mit Schmerzen ist keine Rede mehr: Blixa Bargeld ist ehrlich genug, um sich und uns einzugestehen, dass sein Donner Theaterdonner ist, so wie sein Flüstern Theaterflüstern. Doch manchmal reißt das Theater sich noch hoch, mit aller Gewalt der Bildung: in "Ein seltener Vogel" etwa, wo der Vogel endlich am Berg Ararat das neue Lied trägt: "Es liegt auf der Zunge und brennt!" Doch dann wieder zerschellt es in Lächerlichkeit: "Mela, mela, Melancholia, mon cher!" ruft Bargeld und gellt: "Wo ist die Befindlichkeit des Landes?"

Da wünscht man sich gnädiges Dunkel in den Himmel über Berlin. Und Ruhe im Haus der Lüge. Und aus.

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