So schnell, so toll kann Gitarrenpop sein: "Franz Ferdinand" aus Schottland in der Wiener Arena.
Man muss es leider sagen: Die Achtzigerjahre sind die Sechzigerjahre von heute geworden. Das Privileg, jung zu sein, wird derzeit damit bestraft, dass mittelalterliche Kritiker zu jeder aktuellen Pop-Band mindestens eine Handvoll von - dem gemeinen Volk nur unzureichend bekannten - Bands kennen, die vor 20 Jahren just genauso geklungen haben (sollen). Auch den wunderbaren Franz Ferdinand ergeht es so.
Hier einmal nicht. Diese Zeilen entstanden unter strengster Name-dropping-Selbstzensur! Nur soviel Historizistisches: Die Erkenntnis, dass man Gitarrenpop mit Gewinn zu vehementen Dancefloor-Rhythmen kombinieren kann, wuchs nicht erst im Manhattan der Amphetamin-Achtzigerjahre, sondern war, nur zum Beispiel, für jeden Sixties-Mod so selbstverständlich wie die Kombination Anzug-Anorak. Das haben nur die verschnarchten Lagerfeuer-Britpop-Bands der späten Neuzeit vergessen.
Womit wir bei der Kleidung wären: Auf deren mutige Auswahl legen die Schotten unseres Vertrauens einigen Wert. Weißer Rollkragenpullover ist out? An den Leib damit! Gestreifte Hosen trägt man nicht? Aber erst recht! Feldwebel-Pfeffer-in-Zivil-Epauletten auf der Jacke sind uncool? Hören Sie, wir bestimmen hier, was cool ist, wir sind Franz Ferdinand, wir trinken champers mit lachsfisch und heißen superfantastisch!
Die Feiergäste in der dicht gefüllten, reich von oben begossenen Arena kannten diese Zeilen und alle anderen, die auf der ersten und bisher einzigen CD des schottischen Quartetts sind. Und deren elf Songs wurden ausnahmslos gespielt, mit Recht, denn sie sind ausnahmslos großartig, sie handeln davon, wie man lebt ("Jacqueline"), liebt ("Darts Of Pleasure"), tanzt ("Michael") und die Stadt anzündet ("This Fire"), wie man sich kennen lernt ("Tell Her Tonight"), verabschiedet ("Cheating On You") und der Akademie entkommt ("Dark Of The Matinee"). Kurz: über das Wesentlichste.
Dazu das programmatisch rastlose "Love & Destroy": noch rasender, wenn das überhaupt möglich ist. Geschwindigkeit ist ja neben Stil das schlagende Argument von Franz Ferdinand: Die Herren Kapranos und McCarthy wissen, dass man eine Gitarre durchaus schneller spielen kann, als dem Grundmetrum eines Songs entspricht, und sie praktizieren das, ohne Rücksicht auf Finger, Saiten und Plektron. "It's always better on holiday", hieß es in "Jacqueline" und "That's why we only work when we need the money". Auch wenn man nicht annehmen will, dass diese Band ihre Tätigkeit als schnöde Lohnarbeit sieht - gerade hier vermittelten die angespannten Gesichtsmuskeln das Gefühl, dass diese irrwitzige Klampferei anstrengend sein kann . . .
Doch bald wieder wich die Anspannung dem euphorischen Lächeln, das für Franz Ferdinand typisch ist, das sich nur mit dem vergleichen lässt, das ein - kein Name-dropping! - bekanntes Quartett aus Liverpool bei seiner Welteroberung einsetzte. Nur nicht untertreiben: Hier wird gegen ein Dogma angespielt, gegen die fixe Idee, dass Grant und Coolness zusammengehören. Unsinn: Man darf lächeln, wenn's danach ist, und springen, wenn der Offbeat es gebietet, und sogar scherzen: "Wir haben das Wetter mitgebracht, wo ist das Problem?"
Kein Problem: Sie haben das Wetter wieder mitgenommen. Seit diesem Konzert scheint die Sonne in Wien.