Pop

50 Jahre: "Rock Around The Clock"

Seit wann gibt es Rock'n'Roll? Und, brisanter: Warum noch immer? Von besten Jahren, amerikanischer Unkultur und Rettung vor dem Alter: Materialien über einen Rhythmus, der zum Bekenntnis wurde.

Vor 50 Jahren nahmen Bill Haley & The Comets "Rock Around The Clock" auf

Gerade erst 16 und schon retro: Des Verfassers erstes Rock'n'Roll-Revival fand am 4. Juni 1980 im Museum des 20. Jahrhunderts statt: Human League spielten, das Modernste der Zeit, gitarrenfrei und elektronisch, der Sänger ein Fabelwesen mit langen Haaren auf einer Seite und kurzen auf der anderen. Nicht als pure Zukunft - bis apokalyptische Schreie gellten, zu einem räudigen Gitarren-, nein: schlimmer noch: Saxofon-Riff: Es war Gary Glitters "Rock'n'Roll Part Two" (1972), ein peinliches Stück Vorpubertät, zugleich selbst schon ein Rock'n'Roll-Revival.

In den Siebzigerjahren war aus dem einstigen, heute verschroben anmutenden Modetanz längst eine Haltung geworden, zu der man sich bekennen konnte. "My, my, hey, hey, rock'n'roll is here to stay", sinnierte Neil Young 1979, den gerade aufgebrochenen Punk gleich mit umarmend, während sich andere schon Gedanken machten, wie lange noch: "Too old to rock'n'roll, too young to die", diagnostizierten Jethro Tull 1977. Und schon 1975 rechnete MacDavis mit den "teeny sunny sundays" und den "moonless summer nights" ab: "Rock'n'roll, I gave you all the best years of my life."

Wann und wie begannen die besten Jahre? Ähnlich wie "Jazz" war das Wort "Rock'n'Roll" ursprünglich sexuell konnotiert: Im schwarzen Slang Amerikas soll es soviel wie Beischlaf bedeutet haben. Wer es erstmals auf einen Musik- oder Tanzstil bezog, ist fraglich: Alan Freed, Radio-Disc-Jockey in New York, beanspruchte diese Leistung für sich. Jedenfalls popularisierte er den Begriff: Die Textzeile "Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody" aus Bill Haleys "Rock-A-Beatin' Boogie" war Signet seiner Sendungen.

Ein anderer Song Haleys wurde zum Auslöser eines musikalischen Urknalls, obwohl er zumindest heute mehr nach steady state klingt als nach big bang: "Rock Around The Clock", geschrieben 1953 von James E. Myers (alias Jimmy DeKnight) und Max Freedman, zuerst aufgenommen von Sonny Dae and his Knights, dann, am 12. April 1954, von Bill Haley & The Comets.

Wie sich das anhörte? Jeder weiß es. Aber am besten ausgedrückt hat es wohl Nik Cohn, die große, längst retirierte Spottdrossel des Pop-Journalismus: ",Rock Around The Clock' war nicht besser und auch nicht schlechter als das meiste, was Bill Haley produzierte. Der Sound war lächerlich, ein Arrangement existierte nicht, aber der Beat war da, und Haley schrie laut. Ehrlich gesagt, es war ein Schmarren, aber es stand am Anfang, und deshalb war es so erfolgreich. Es hatte keine Konkurrenz. Ursprünglich verkaufte es sich als eine Neuigkeit, beinahe als Witz. Dann nahm sich die Presse seiner an, wetterte lauthals dagegen, nannte es Anti-Musik, und plötzlich wurde es zum großen Generationssymbol."

"When the clock strikes two . . ." Richtig explosiv wurde der vergleichsweise gemächliche Song - man höre daneben z. B. Little Richards "Tutti Frutti" (1955) - erst als Soundtrack zum Film "Blackboard Jungle" (deutsch: "Saat der Gewalt"), einem Halbstarken-Melodram über Gewalt in der Schule, dessen Besucher sich hie und da zum Randalieren animiert fühlten. Da war er, der "generation gap", und die Empörung des Abendlands kam wie bestellt. Cellist Pablo Casals ortete in Haleys Rock'n'Roll ein "Destillat aus allen Widerwärtigkeiten unserer Zeit", das "Neue Deutschland" beklagte die "Orgie der amerikanischen Unkultur".

Haley selbst blieb nicht lange führend, auch wenn "Rock Around The Clock" bis 1997 die meistverkaufte Single war (dann wurde es von Elton Johns Lady-Di-Variation von "Candle In The Wind" abgelöst). Spätestens nach Elvis Presleys "Heartbreak Hotel" war klar, wer der King war. Daneben regierten Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis, Fats Domino, Buddy Holly, Carl Perkins - Schwarze und Weiße: "Weder davor noch danach (!) findet sich ein dergestalt schwarz-weiß gemischtes Pantheon in einem Genre zusammen", schreiben Alan und Maria Posener in ihrer Elvis-Biografie. Es war ein echtes Crossover: von den Charts des - bis 1949 rassistisch "Race Music" genannten - Rhythm'n'Blues und des (mehrheitlich weißen) Country in die allgemeinen Pop-Hitparaden. Die Interpretation, dass Rock'n'Roll nichts als weiße Verwässerung und Kommerzialisierung der "echten" afroamerikanischen Musik gewesen sei, greift zu kurz. Und: Bei aller Kritik daran, dass Blues-Künstler oft von ihren weißen Lehrlingen um Tantiemen betrogen wurden - Fanatiker wie die Rolling Stones waren nicht unbeteiligt am späten Welterfolg von Bluesmusikern wie Muddy Waters.

Wie sehr Rock'n'Roll von Beginn an entschieden Jugendkultur war, abgestecktes Terrain der Teenager (und bestenfalls Twens), illustriert Chuck Berrys fantastischer Song "School Days" (1957) mit dem Refrain "Hail, hail rock and roll - deliver me from the days of old". Das Pathos, das hier ironisch gebrochen ist - Berry, längst der Schule entwachsen, schreibt aus der Perspektive von Schülern, die gerade die Pausenglocke hören -, ist der Popmusik, die sich bis heute so stolz vom Rock'n'Roll ableitet wie der Römer von Troja, geblieben.

"You know, her life was saved by rock'n'roll", sang Lou Reed 1971. Noch hymnischer, um nicht "spiritueller" zu sagen, fasste es Patti Smith 1978 in "Set Me Free": "I see it all before me, the days of love and torment, the nights of rock'n'roll", heißt es da und schließlich, nach ausführlicher Zitierung des 23. Psalms ("Der Herr ist mein Hirte . . ."), im letzten, schon gebrüllten Refrain: "I'm so goddamn young."

Nicht mehr ganz verdammt jung war damals Ian Dury, der Bill Haley freundlich als "ersten Kuckuck im Frühling" bezeichnete und 1978 die Formel "Sex & Drugs & Rock'n'Roll" prägte. Legendär wurde Keith Richards Antwort auf die Interviewer-Frage, was er denn zu diesen Begriffen sage: "Wir haben alle drei erfunden", meinte er gedehnt und nahm einen tiefen Schluck, um lachend hinzuzufügen: "Wenn Sie mir das glauben, dann glauben Sie mir alles . . ." Derselbe Richards hatte 1974 das Gitarrenriff zu einer der Koketterien Mick Jaggers gespielt: "It's only rock'n'roll, but I like it". "I love rock'n'roll" sang, natürlich, Joan Jett - und sangen auch "Jesus And Mary Chain", allerdings nur zu Beginn eines ruhigen Sturmes namens "I Hate Rock'n'Roll".

"When the chimes ring five . . .": Alle Koketterie und Vergangenheitsseligkeit konnten bis heute den Hip-Appeal des Begriffs nicht zerstören. Der (bisher) letzte, der ein Album schlicht & ergreifend "Rock'n'Roll" genannt hat (2003), ist Ryan Adams: "Everybody's cool playing rock'n'roll", singt er und klagt: "I don't feel cool at all." Einsichtig, aber wie erklärt man das jemandem, dem auch das Wort "Coolness" nicht geläufig ist?

Das Dilemma war schon John Sebastian bekannt, der 1965 für seine "Lovin' Spoonful" den Song "Do You Believe In Magic" schrieb und darin hilflos nach Vergleichen rang für die Magie, die er meinte: "It's like trying to tell a stranger about rock'n'roll." Das kann man stehen lassen, 50 Jahre nachdem Bill Haley "Rock Around The Clock" näselte - in einem umgebauten Ex-Tanzlokal namens "Pythian Temple", so will es die Legende, und der wollen wir doch die Ehre geben in diesen besten aller Retro-Jahre.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.