Songs über das Leben mit 21 und 70: Simon and Garfunkel, nach zwei Jahrzehnten wieder auf Europatournee, begeisterten im Olympiastadion in München.
How terribly strange to be seventy" - wie schrecklich seltsam, 70 zu sein: Diese Zeile schrieb Paul Simon, als er 24 war, für den Song "Old Friends", eine Impression von alten Männern, die, "verloren in ihren Mänteln, auf den Sonnenuntergang warten", die "auf den Parkbänken sitzen wie Bücherstützen". "Bookends": Das war dann auch der Titel der vierten LP von Simon & Garfunkel (1968): ein Album über das Verrinnen der Zeit, des Lebens, über Erinnerungen.
Damit ist es vielleicht die wehmütigste Platte dieses der Wehmut verschriebenen Duos: Wehmut ist das Gefühl, mit der ein Mensch auf das Bewusstsein der Endlichkeit reagiert. Damit wohl das menschlichste der Gefühle. (Das ist, Anmerkung in eigener Sache, auch der Grund, warum Sie in diesem Bericht kein spöttisches Wort über Simon and Garfunkel lesen werden.)
Paul Simon und Art Garfunkel sind heute 61, noch neun Jahre zur schrecklichen Seltsamkeit, zu den Parkbänken. Eine gute Zeit, sich zu einer "Old-Friends"-Tour zusammenzufinden, die ersten 50 Jahre einer Mittelschüler-Freundschaft zu begehen, wie Garfunkel erklärte (worauf Simon, ebenfalls streng gerührt, vom "48th anniversary of our arguing" sprach, die beiden waren ja durchaus nicht immer ein Duo).
Klar, dass Material aus "Bookends" den Abend eröffnete. Und logisch, dass ein anderer explizit zeitbezogener Song am Schluss stand, als vorletzte Zugabe: das wunderbare "Leaves That Are Green", mit der (später von Billy Bragg ausgeborgten) Zeile "I was 21 years when I wrote this song, I'm 22 now, but I won't be for long". Von 70 zu 21 zurückgezählt, sozusagen. Dazwischen all die Songs, die eben nicht nur wehmütig sind (sonst würden sie einen ersticken), sondern auch sanft euphorisch, in der Tiefe optimistisch. "Hazy Shade of Winter" etwa, ein fast übermütiger, geradezu an Jefferson Airplane erinnerndes Stück über die "springtime of my life", die keine Schatten des Winters verdüstern können, mit diesem Gitarrenriff, bei dem man nicht weiß, ob es von "Day Tripper" abgeschaut ist oder ob umgekehrt die Beatles ihr "Birthday" davon inspirieren ließen. Wahrscheinlich lag's einfach in der Luft.
Oder "America", der Song einer - auch inneren - Entdeckungsreise: Auch wem sonst die Sehnsucht nach den Highways, Motels und Greyhound-Bussen fremd ist, spürt hier, was den Reiz dieses weiten Landes ausmachen könnte. Hat Peter Handke nicht seinen "Kurzen Brief zum langen Abschied" auch diesem Lied zu verdanken? Paul Simon jedenfalls schien beim Refrain Tränen in den Augen zu haben, oder, kann sein, es weinte die Videoleinwand.
Diese zeigte auch denen, die unerträglich weit weg saßen (verfluchte Stadien!), die Gesichter der beiden, die, wie's den Guten gegönnt ist, aussehen wie freundliche Karikaturen ihrer jugendlichen Erscheinungen. Paul Simon, noch kleiner, noch kahler, die letzten Haare mit Gewalt nach vorne gekämmt, wirkte herzlich bis verlegen, wie die Illustration seiner Zeilen "I have my poetry to protect me"; Art Garfunkel, mit konstant roten Locken, erinnerte mit seinen cholerischen Augenbrauen an einen Wirt, bei dem man nichts zurückschickt.
Es war nichts zum Zurückschicken. Sicher, "I Am A Rock" ist schneller besser, der vierschrötige Sologitarrist war stellenweise gar zu emsig am Werk, "El Condor Pasa", frühes Exemplar einer "Ethno"-Schnulze, nervt wie eh und je, und ganz ohne verstecktes Transponieren bewältigt auch Garfunkel die Höhen in "Bridge Over Troubled Water" nicht mehr. Dennoch oder gerade deshalb bejubelte man ihn wie einen Tenor, der sein hohes C endlich wieder hat.
Aber da waren vor allem Momente, in denen sogar die Konzert-Plauderer auf den besseren Plätzen (die in München irgendwie noch selbstverständlicher ihren Smalltalk führen) inne hielten: "Scarborough Fair" mit Cello und Cembalo und den beiden Stimmen so knapp auseinander, dass man die Schwebungen hörte; "Kathy's Song", so innig wie nur möglich; "Homeward Bound", wo Garfunkel die Daumen in die Gürtelschlaufen stecken musste, einfach um die Rührung zu bekämpfen . . .
Zur Halbzeit ein ohne Untertreibung legendär zu nennender Besuch: Die Everly Brothers, Vorbilder im Vokalsatz, kamen und sangen "Wake Up Little Susie", "All I Have To Do Is Dream", "Let It Be Me" und (gemeinsam mit S & G) "Bye Bye Love" - wunderbare Songs, gewiss, aber im Vergleich fehlte doch der - durchaus auch intellektuelle - Geist, der Simon and Garfunkel über die Tränendrüsendrücker-Liga hinaus hebt. Die "Time of Innocence", die im "Bookends Theme" besungen wird, ist eben keine reine Trieb-und-Trotz-Pubertät.
"Preserve your memories, they're all that's left you" heißt es im selben Song: Die Plattenfirma zumindest handelt nicht nach diesem Motto: Dass im Stadion nur T-Shirts und keine Platten verkauft werden, mag ja vornehme Zurückhaltung sein. Aber dass in den großen Plattengeschäften Münchens in diesen Tagen die wesentlichen Simon-and-Garfunkel-Platten vergriffen waren, zeigt doch, wie gleichgültig die Musikindustrie ihren Schatz, den "Back-up-Katalog", behandelt. Sony will man so bald nicht mehr über Umsatzschwund raunzen hören.
Am 31. Juli spielen Simon und Garfunkel bei freiem Eintritt im Colosseum in Rom.