Leitartikel: Fortschritt bei der Forschung: Addieren, aber auch radieren

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esser kann man das aktuelle Di lemma der österreichischen For schungspolitik wohl kaum formulieren. "Wir dürfen nicht nur addieren, wir müssen auch radieren", sagte kürzlich der Vorsitzende des Rates für Forschung und Technologieentwicklung, Knut Consemüller. Die österreichische Regierung hat sich vor vier Jahren dazu verpflichtet, bei der Forschung Gas zu geben - und vieles spricht dafür, dass in den vergangenen Jahren einiges gelungen ist. Die Forschungsquote (der Anteil der Forschungsausgaben an der Wirtschaftsleistung) ist gestiegen und liegt nun bei 2,27 Prozent. Das ist zwar weiterhin unter dem Plan der Regierung, aber immerhin: Es bewegt sich etwas. Mit der Gründung der Forschungsförderungsgesellschaft ist eine grundlegende Reorganisation der Förderungsstellen gelungen, und die großzügigen Steuererleichterungen für Firmen lassen auch die Forschungsausgaben des Wirtschaftssektors steigen. Dadurch nähert sich die Struktur der Forschungsausgaben dem erwünschten Verhältnis von zwei Teilen Wirtschaft und einem Teil öffentliche Hand an.

Die Mittelherkunft ist aber nur die eine Seite der Bilanz. Genauso wichtig ist deren Verwendung. Und hier liegt noch vieles im Argen. Nicht beachtet wurde dabei bisher eine grundlegende Tatsache: Österreich ist ein kleines Land mit beschränkten Ressourcen. Und als solches können wir es uns einfach nicht leisten, in allen Bereichen Spitze zu sein. Und wir sollen das auch nicht wollen: Das ist eine - bittere - Wahrheit, die nun schön langsam in die Gehirne aller heimischer Forschungspolitiker und Wissenschaftler sickern sollte.

Klar verfolgen lässt sich das Problem am aktuellen Anlassfall: Die Österreichische Akademie der Wissenschaften gründet um viel Geld neue, international schon im Vorhinein angesehene Biotechnologie- und Quantenoptik-Institute. Auf der anderen Seite ist man aber sehr zögerlich dabei, andere Forschungsbereiche zu reduzieren und Ressourcen für die neuen Themen freizumachen. Das heißt nicht, dass man alles "Alte" auflässt - ein reicher Staat kann, soll und muss sich den "Luxus" leisten, auch sogenannte Orchideenfächer zu finanzieren. Aber man muss fragen, ob nicht etwa ein Institut für Kulturgeschichte der Antike oder eine Mykenische Kommission besser auf einer Universität aufgehoben wäre.

Verständlich ist, dass Geisteswissenschafter alarmiert sind. Sie fürchten, bei der notwendigen Fokussierung einmal mehr unter die Räder der Naturwissenschaften zu kommen. Letztere lassen sich ja blöderweise anwenden, wodurch namhafte Drittmittel eingeworben werden können. Dabei muss aber eines klargestellt werden: Niemals zuvor gab es über den Wissenschaftsfonds FWF mehr Geld für die Grundlagenforschung als jetzt. Gute Projekte werden immer eine adäquate Finanzierung finden.

Derselben Diskussion müssen sich auch alle anderen Forschungseinrichtungen stellen. Die Austrian Research Centers etwa unterziehen sich bereits diesem schmerzhaften Prozess und reduzieren die Zahl der Forschungsgebiete, um dafür neue Exzellenz-Programme auf die Beine stellen zu können. Gleiches müssen nun auch die Universitäten tun - und das neue Universitätsgesetz gibt ihnen dazu auch die Möglichkeiten: Die Rektoren hängen nun nicht mehr am planenden Gängelband der Ministerialbürokratie, sondern haben praktisch freie Hand bei der Gestaltung ihrer Häuser.

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issenschaft und Forschung sind die wichtigsten Zukunftsfakto ren für die wirtschaftliche Entwicklung. Wenn Österreich weiterhin an der Weltspitze sein soll - und das wollen wir wohl alle -, dann muss nach dem ersten Schritt, der Ausweitung der Forschungsausgaben, auch der zweite gelingen: die Mittel sinnvoll und fokussiert einzusetzen. Und hier genügt es nicht, dem Finanzminister mehr Geld abzutrotzen: Nun sind alle Forscher aufgerufen, ihr Scherflein beizutragen.

martin.kugler@diepresse.com

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