Demokratie kann man auf Dauer nicht durch diktatorische Erlässe erlernen: Auch nicht in Bosnien und im Kosovo.
Bisweilen bricht es bei ihm durch: die knallharte Ausbildung in einer britischen Spezialeinheit; die langen Jahre als Offizier Ihrer Majestät, der es gewohnt ist, nicht lange zu diskutieren, sondern klare Befehle zu erteilen. Dann mutiert der väterliche Beschützer zum strengen Protektor, der seine Untertanen zu ihrem Glück zwingt.
Paddy Ashdown hat einen undankbaren Job. Der britische Lord soll im Auftrag der internationalen Gemeinschaft die Bosnier zu Toleranz und Demokratie erziehen. Und sind sie nicht willig, gebraucht er einfach seine autoritären Befugnisse - ein Widerspruch in sich.
In den vergangenen Jahren wurde in Bosnien einiges erreicht: Viele Vertriebene konnten zurückkehren, verwüstete Ortschaften wurden wieder aufgebaut, niemand muss mehr fürchten, von nationalistischen Mörderbanden massakriert zu werden. Um das umzusetzen, bedurfte es meist massiven Drucks. Doch gerade mit diesen - oft nötigen - Entscheidungen über die Köpfe der Bosnier hinweg, hat man diese unmündig gemacht; ihnen zu oft zu wenig Gelegenheit gegeben, selbst den Aufbau eines friedlichen Staates in die Hand zu nehmen.
Auch fast neun Jahre nach der Beendigung des schrecklichsten Gemetzels in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg sind die Nationalisten in Bosnien zwar noch immer stark. Doch auch andere, demokratische Kräfte gewinnen an Zulauf. Und die unmittelbare Kriegsgefahr ist längst gebannt. Vor allem auch deshalb, weil in Serbien und Kroatien heute Regierungen an der Macht sind, die keinerlei Interesse mehr an militärischer Einmischung bei ihrem Nachbarn haben.
Für die internationale Gemeinschaft muss das bedeuten, sich immer mehr zurückzuziehen. Eine militärische Präsenz in kleinem Umfang ist zwar noch einige Zeit nötig - als letzter Sicherheitsanker, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Die politische Entscheidungsfindung im Land sollte aber weitgehend den lokalen, demokratisch gewählten Volksvertretern überlassen werden. Niemand kann Demokratie auf Dauer durch diktatorische Erlässe erlernen, auch nicht die Menschen in Bosnien-Herzegowina. 2005 ist es zehn Jahre her, dass die internationale Mission in dem Balkan-Staat gestartet wurde. Ein guter Zeitpunkt, um die Macht den Bosniern zurückzugeben.
2005 ist aber auch ein entscheidendes Jahr für ein anderes Balkan-Protektorat: für Kosovo. Dann wird nämlich damit begonnen, über den künftigen Status der offiziell zu Serbien-Montenegro gehörenden Albaner-Provinz zu verhandeln. An einer Eigenstaatlichkeit des Kosovo führt über kurz oder lang kein Weg vorbei. Zu massiv sind die Unabhängigkeitsbestrebungen der Albaner, als dass man sie auf Dauer - mit welch völkerrechtlichen Konstrukten auch immer - an Serbien zu ketten vermag.
Bleibt die Frage, wie man Belgrad das verkaufen kann. Hier ist die EU gefordert. Der Balkan ist ihr ureigenstes Interessensgebiet. Denn die Europäer sind die ersten, die von Entwicklungen in dieser Region unmittelbar betroffen sind. Und trotzdem haben sie in den vergangenen Jahren nur allzu oft die Initiative den USA überlassen.
Mit der Übernahme des Kommandos über die Bosnien-Truppe versuchen die Europäer auf dem Balkan Flagge zu zeigen. Nun sollten sie sich der schwierigeren Aufgabe Kosovo stellen. Die EU-Staaten müssen Serbien - notfalls mit großzügiger Hilfe - davon überzeugen, dass es ohne Kosovo besser dran ist. Was macht es auch mit fast zwei Millionen Albanern, die sich noch lieber von Bujumbura als von Belgrad regieren ließen? D
en Albanern wiederum muss für die Unabhängigkeit und eine In tegration in Europa ein Preis abverlangt werden: der Schutz der serbischen Minderheit. Das Projekt sollte rasch in Angriff genommen werden. Denn umso schneller kann man einen friedlichen Balkan schaffen, in dem gestrenge Protektoren nicht mehr gebraucht werden.