Leitartikel: Bagdad und Teheran auf der Suche nach Feinden

Irans Mullahs und Iraks Regierung können zwar keinen Krieg provozieren, doch die Chancen auf Stabilität vernichten.

Die Strategie ist so alt wie die Politik: Will man von internen Problemen ablenken, braucht man einen äußeren Feind. Auch in der Übergangsregierung in Bagdad hat man diese Lektion gelernt. Grund allen Übels im Irak sei der böse Nachbar Iran, analysiert der Verteidigungsminister und droht dem Störefried mit Gewalt.

Natürlich mischt der von schiitischen Geistlichen regierte Iran bei den Schiiten-Unruhen im Nachbarland kräftig mit. Hasstiraden gegen den Erzfeind am Golf bringen Bagdad aber nicht weiter. Die Strategen in Teheran nutzen nur schon lange bestehende Konflikte, um Chaos zu stiften; Iraks Probleme sind in erster Linie hausgemacht.

Mit dem Sturz des totalitären Saddam-Regimes brechen nun alte Gegensätze wieder auf. Eine Vielzahl politischer, religiöser und ethnischer Gruppen verfolgt völlig unterschiedliche Ziele - bereit, diese mit allen Mitteln umzusetzen.

Die Kurden im Norden des Landes verfügen bereits über weitgehende Autonomie. Endziel bleibt aber die Unabhängigkeit.

Für die Sunniten - schon unter Saddam die herrschende Klasse - ist das inakzeptabel. Sie fürchten, bei einer Teilung des Irak zwischen Kurden und der zahlenmäßig größten Gruppe, den Schiiten, aufgerieben zu werden.

Moktada al-Sadr und seine revoltierenden Schiiten-Milizen sind nur eine der vielen Parteien in diesem machiavellistischen Spiel. Die großen sozialen Probleme im Land erleichtern es dem radikalen Prediger, Anhänger zu rekrutieren.

In Bagdads Schiiten-Viertel Sadr-City wachsen Armut und Verzweiflung. Weder Iraks Übergangsregierung noch ihre amerikanischen Schutzherren haben es bisher geschafft, den Mutlosen eine Zukunftsperspektive zu geben. Aber nur so könnte dem aufkeimenden Extremismus der Nährboden entzogen werden.

Die Bruchlinien in Iraks Gesellschaft verlaufen auch quer durch die Regierungsbank in Bagdad: Der Verteidigungsminister sieht im Iran den "ersten Feind"; der Vizeaußenminister - Spitzenfunktionär der Schiitenpartei Sciri - kontert mit Lobeshymnen auf Irans "Verdienste" für das irakische Volk.

Um all die großen Probleme des Landes zu lösen, müssten die Verantwortlichen in Bagdad endlich an einem Strang ziehen. Doch davon sind sie noch weit entfernt.

Das Mullah-Regime in Teheran hat so ein leichtes Spiel. Iran versuchte schon immer, im Nachbarland an Einfluss zu gewinnen. Vor allem auf den Ölreichtum des schiitisch dominierten Südirak hatte man vom anderen Ufer des Schatt-el-Arab aus immer wieder begehrliche Blicke geworfen.

Dazu kommt, dass die radikalen Kräfte in Teheran einen äußeren Feind genauso nötig haben, wie der Verteidigungsminister in Bagdad. Gerade jetzt, da in einem Jahr Präsidentenwahlen anstehen und Irans Konservative mit zunehmendem Unmut eines westlich orientierten Bürgertums konfrontiert sind.

Auf der Suche nach Bedrohungen von außen sind die Mullahs noch immer fündig geworden: Zuerst bekämpften sie den "Großen Satan" USA, dann machte ihnen Saddam Hussein das blutige "Geschenk" eines jahrelangen Krieges.

Als Saddam nach dem Einmarsch in Kuwait Probleme mit Bush senior bekam, versöhnten sich die Mullahs mit dem Diktator und ließen ihn sogar seine Kampfjets vor der US-Luftwaffe auf iranische Flughäfen in Sicherheit bringen.

Nun schöpft Teheran hinsichtlich alter Gegner geradezu aus dem Vollen. Schürt man Unfrieden im Nachbarland, kann man die Erzfeinde Irak und Amerika mit einem Schlag gemeinsam treffen. Und je größer die Probleme im Irak sind, desto geringer ist der Appetit in den USA auf neue Militär-Abenteuer - etwa gegen das nach Atomwaffen strebende Mullah-Regime.

Mit ihren egoistischen Spielchen können Bagdad und Teheran zwar keinen neuen großen Krieg am Golf provozieren. Die Chancen auf Stabilität in der Region schwinden aber weiter.

wieland.schneider@diepresse.com

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