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ie könne ja helfen, sagte die Tou ristin am Flughafen kleinlaut, aber bestimmt auf die insistierende Frage des TV-Reporters, ob sie nicht jetzt, angesichts der Bilder des katastrophalen Elends, ihren Urlaub in Sri Lanka stornieren würde. Wieso denn auch wirklich, sie hat sich den Urlaub verdient, im wörtlichen und übertragenen Sinn, sie wird im besten Fall etwas mehr - vor allem tragische - Wirklichkeit in ihrer Videokamera nach Hause mitnehmen als sonst. Das "Touristenparadies", das dieser Tage mit anklagendem Unterton apostrophiert wird, wird sich ihr deutlich irdischer zeigen als sonst.
Der Spott und die moralische Entrüstung sind mindestens so billig wie die Pauschalreise. "A cheap holiday in other people's misery" höhnte die britische Punk-Band "Sex Pistols" 1978 in "Holidays In The Sun". "Holiday in Kambodia" schlugen gar ihre US-Kollegen "The Dead Kennedys" vor, einen Urlaub dort, "where the slums got so much soul", wo die Elendsviertel so viel Gemüt haben. Houellebecqs Roman "Plattform" bezog einen Gutteil seines Erregungspotenzials aus der Verweigerung der Entrüstung: Urlaub in anderer Menschen Elend, na und? Wir bringen wenigstens Devisen, und Unglück ist kein Grund, eine Region aus dem Angebot zu nehmen (außer wenn es zu sehr ins Auge sticht). "Einkaufsbummel im Erdnussland, was übrig bleibt, wird Entwicklungshilfe genannt", sang die deutsche Band "Fehlfarben". Und, wenn man das Wort "Elend" einmal ein bisschen weiter fasst, machen wir nicht oft Urlaub im Elend anderer Leute? Vielleicht sogar im Elend, das Börsenbewegungen ausgelöst haben, an denen wir unsere - selbstverständlich vernachlässigbaren - Anteile halten?
An diesem Punkt können (und sollen) Prediger ansetzen. Nicht bei Katastrophen wie der, die jetzt Südostasien und Indien erschüttert hat. Bei Dürre und Überschwemmungen kann man vielleicht noch die von Menschen verursachte Klimaveränderung verantwortlich machen. Für ein Erdbeben gibt es keine Schuldigen. Die Kontinentalplatten bewegen sich stur und zäh, ohne auf die Menschen Rücksicht zu nehmen, die seit (erdgeschichtlich betrachtet) kurzer Zeit auf ihnen Platz nehmen.
Diese Gleichgültigkeit der Natur ließ schon viele an ihrem Glauben irre werden: Das Erdbeben in Lissabon 1755 erschütterte Philosophie und Theologie, Leibniz' Idee der "besten aller möglichen Welten" schien plötzlich indiskutabel. "Man wird Mühe haben, zu erraten, wie die Gesetze der Bewegung so entsetzliche Verwüstungen in der besten aller möglichen Welten anrichten", schrieb Voltaire. Dass viele Menschen in Trümmern von Kirchen starben, verstärkte die Frage der Theodizee: Wie kann Gott das zulassen? Und natürlich suchte man Schuldige für Gottes Zorn, Sünder: Voltaires Candide entkam dem Beben und dann dem Autodafé, das weitere Beben verhindern sollte.
Am "vernünftigsten" reagierte damals Kant: Gott sei nicht verantwortlich zu machen, sondern die Unvernunft der Menschen, die ihre Großstadt in einer Erdbebenzone anlegen. Diese Ausflucht funktioniert erstens oft nicht - etwa beim aktuellen Beben, das ja nicht nur Großstädte getroffen hat -, zweitens richten sich die Menschen nicht nach dieser Lehre: In den nächsten 30 Jahren wird die Region um San Francisco mit 67-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein verheerendes Beben erleben, sagen manche Erdbebenforscher voraus, andere sprechen von 80 Prozent, und doch zeigen sich die Immobilienpreise kaum erschüttert . . .
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iemand rechnet mit Katastro phen. Unsere Vernunft ist nicht auf sie angelegt. Auch das Mitleid mit den Opfern und ihren Angehörigen ist unkalkulierbar, unvernünftig, ungerecht; wir fühlen uns umso betroffener, je näher sie sind; der Wiener will wissen, wie viele Wiener es getroffen hat, auch wenn er überzeugt ist, dass alle Menschenleben gleich wert sind.
Und bald machen wir wieder Urlaub im Elend. Man kann ja helfen.
thomas.kramar@diepresse.com