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wei Tage nach der Flutkatastrophe in Südostasien hat der Geschäfts führer von TUI Austria bereits eine Idee, wie man das Leid und Elend der Urlauber künftig zumindest ein wenig lindern könnte. Ihm schwebt eine Art Katastrophen-Gebühr vor. Diese soll jeder Reisende bezahlen, wenn er seinen Urlaub bucht. Im Katastrophenfall werden dann die Opfer monetär entschädigt.
Im Prinzip funktioniert dieses Modell genauso wie eine Reiseversicherung. Auch diese wird in den kommenden Wochen und Monaten für einen kleinen Teil der materiellen Schäden jener aufkommen, die vorerst einmal froh sind, dass sie der Hölle entkommen sind. Dass sie lebendig aus dem Ferienparadies heimkehren konnten.
Der Geschäftsmann denkt voraus. Ein paar Euro mehr. Soviel muss uns unsere Sicherheit vor der Unsicherheit schon Wert sein. Es ist nicht mehr verwunderlich, dass eine derartige Geschäftsidee gerade einmal zwei Tage nach einer der größten Naturkatastrophen der letzten hundert Jahre angeregt wird. Es passt sehr gut in die Vollkasko-Mentalität in unserer Gesellschaft. Wir können es nicht mehr akzeptieren, dass etwas Unvorhersehbares, Unkalkulierbares passiert. Wir haben alles im Griff - nur manchmal uns selber nicht. Wir finden für alles eine Erklärung - nur manchmal für uns selber nicht. Und im Zweifelsfall klagen wir.
Noch bevor das letzte Todesopfer begraben sein wird, wird vermutlich irgendein findiger Anwalt eine Klage einbringen. Am besten eine Sammelklage. Und was Entschädigungsklagen betrifft, muss man nicht mehr Beispiele in den USA strapazieren. Den Faganismus gibt es längst auch in Österreich. Auch nach dem Hochwasser vor zwei Jahren waren heimische Advokaten schnell auf der Suche nach den "eigentlich" Schuldigen.
Und was die Naturkatastrophe in Südostasien betrifft: Tatsächlich erörtern Juristen bereits, inwieweit das Fehlen von Erdbeben-Frühwarnsystemen klagbar ist. Tatsächlich lassen Versicherungsgesellschaften längst von ihren Rechtsabteilungen prüfen, wie viel Schaden hätte verhindert werden können, falls die Behörden in Sri Lanka, Thailand oder auf den Malediven gleich nach dem Seebeben eine umfassende Warnung ausgegeben hätten. Schließlich traf die tödliche Flutwelle erst knapp eine Stunde später ein. Da hatten selbst die Experten der Hohen Warte in Wien das Seebeben längst registriert - samt der Befürchtung einer möglichen Flutwelle.
Das menschliche Ausmaß der Flutkatastrophe in Südostasien lässt sich nach wie vor nicht abschätzen. Stündlich steigt die Zahl der Toten und der Verletzten. Von 55.000 Toten war zuletzt die Rede. Es wird vermutlich noch viele Tage dauern, bis über das Schicksal der vorerst Vermissten Gewissheit herrschen wird. Noch immer herrscht über das Schicksal von etwa 2000 österreichischen Touristen Ungewissheit.
Um den wirtschaftlichen Schaden zu beziffern, benötigte der Schweizer Rückversicherer Swiss Re zwei Tage. Die Experten schätzen den Schaden auf bis zu 27 Milliarden Dollar. Davon seien Werte in Höhe von fünf Milliarden Dollar durch Versicherungen gedeckt, heißt es. In der Katastrophen-Kalkulation der Versicherungsgesellschaften bedeutet das: Der Schaden der Flutkatastrophe in Südostasien entspricht in etwa dem von 20 abgestürzten Passagierflugzeugen.
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ie klingen derartige wirtschaft liche Berechnungen wohl in den Ohren jener, die um das Leben ihre Verwandten und Freunde bangen? Es klingt zynisch, könnte man meinen. Es klingt unangebracht, könnte man sagen. Es klingt vor allem nach einer Gesellschaft, die es nicht mehr gewohnt ist, dass es soetwas wie Schicksal gibt. Unkalkulierbar, unabwendbar. Und vor allem: Es gibt dagegen keine Versicherung.
gerhard.hofer@diepresse.com