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er Heilige Gral der heimischen Forschergemeinde heißt "Auto nomie": Egal, welche Reform der Forschungsfinanzierung diskutiert wird, reflexartig kommt von Wissenschaftlern und Produktentwicklern der Ruf, dass die Unabhängigkeit der Entscheidung über die Förderung von Forschungsprojekten gewahrt bleiben müsse.
Derzeit kommt dieser Aufschrei bei den - sehr aktuellen - Plänen, den Forschungsförderungsfonds der gewerblichen Wirtschaft (FFF; für die angewandte Forschung) unter ein Dach mit anderen Forschungseinrichtungen zu bringen. Und er kommt genauso, wenn der Wissenschaftsfonds FWF (für die Grundlagenforschung) in diese Konstruktion integriert werden soll - was derzeit nicht spruchreif ist.
Die Autonomie garantiert, dass niemand von außen vorgeben kann, in welchen Bereichen geforscht werden kann, darf oder muss. Eine zu straffe Einengung auf bestimmte Forschungsfelder ist - bei aller legitimen strategischen Ausrichtung durch den Staat - sicher fortschrittsfeindlich.
Aber trotzdem wackelt nun die Autonomie kräftig. Die Kommission, die den FFF und den FWF ein Jahr lang evaluiert hat, benennt ein Problem klar: dass die Nutznießer von Förderungen selbst die Entscheidung über die Projekte haben. Das maßgebliche Gremium im FWF wird von Universitätsvertretern dominiert, das des FFF von Wirtschaftsfunktionären. Worte wie "Selbstbedienungsladen" oder "Klüngel-Wirtschaft" werden von den Evaluatoren freilich nicht ausgesprochen. Das brauchen sie aber auch gar nicht, denn hinter vorgehaltener Hand hört man diese selbst aus der Forschergemeinde.
1967, als die Fonds gegründet wurden, war die Autonomie zweifellos ein fortschrittliches Instrument. Dadurch konnte der damals alles erdrückende Einfluss der Parteien eingedämmt werden. Der Grundgedanke lautete: Die Gemeinschaft der Fördernehmer weiß am besten, welches Projekt gut und förderwürdig ist. Dem Zug der Zeit entsprechend wurden zur Administration die Sozialpartner eingespannt. Im Laufe der Jahre haben die beiden Fonds unterschiedliche Usancen entwickelt. Beim FWF wird die Evaluierung der beantragten Forschungsprojekte ausländischen Wissenschaftlern übertragen - der Fonds hat dazu Tausende Experten in ihren Listen. Auf Basis dieser Gutachten trifft das FWF-Kuratorium, in dem zwei Drittel der stimmberechtigten Mitglieder Universitätsprofessoren sind, eine Entscheidung.
Im Vergleich dazu relativ - um nicht zu sagen: unverschämt - simpel gestrickt ist das Entscheidungssystem beim FFF. Ein Techniker und ein Kaufmann des Fonds evaluieren die Anträge nach einem Zahlenschema. Die bewerteten Projekte werden dann vom Präsidium (sechs der elf Mitglieder stellt die Wirtschaftskammer) im Normalfall genehmigt - zumindest solange Geld im Topf ist.
Ohne den Beteiligten böse Absichten unterstellen zu wollen: Autonomie und Selbstkontrolle laden geradezu ein zu Absprachen nach dem Motto "eine Hand wäscht die andere" oder "heute ich, morgen du". Jedem Steuerzahler muss die sprichwörtliche Grausbirn' aufsteigen, wenn auch nur die Möglichkeit zu solchen Tricks besteht. Immerhin schütteten die beiden Fonds im Vorjahr 339 Millionen Euro aus. Den Akteuren fehlt jegliches Problembewusstsein: Im FFF wie im FWF betont man, dass Fachleute in den Entscheidungsgremien zusätzliche Expertisen einbringen. Zudem wird ins Treffen geführt, dass das international üblich sei.
Einen simplen Ausweg gibt es nicht: Niemand will, dass ein mit Steuergeld gefüllter Topf zum "Selbstbedienungsladen" verkommen könnte - und niemand kann wollen, dass Politiker ihre Klientel befriedigen. Was gefunden werden muss, ist eine ausgewogene Mischung zwischen den beiden Polen. In der derzeit heftig geführten Reformdebatte wird das allerdings nicht thematisiert. Dort geht es nur um eines: die Macht über die Töpfe zu behalten - oder sie einem Anderen wegzunehmen.
martin.kugler@diepresse.com