Ernst Strasser gehörte zu den Politikern, die sich zur Machtausübung bekennen. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Ernst Strasser war als Innenminister nicht unbedingt ein Vertreter der feschen Glamour-Fraktion, sondern das Paradeexemplar der Gattung Knochenarbeiter. Einen Luxus hat er sich aber immer geleistet, und der war weltanschaulicher Natur: Er bestand darin, dass er weiten Teilen der Freiheitlichen zu links und dem Großteil der Opposition zu rechts war.
Das ist zwar - wie auch der Verfassungsgerichtshof gelegentlich festgestellt hat - noch keine Garantie dafür, dass er mit allem, was er tat, Recht hatte. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass da einer geht, der über eine rar gewordene politische Grundtugend verfügt: Konsequenz.
Ernst Strasser hat sich immer dazu bekannt, dass er die Macht, die ihm das Amt auf Zeit verliehen hat, auch ausüben will. Ob seine Form der Machtausübung immer nur der Sache diente, wie er selbst meint, oder ausschließlich der Durchsetzung parteipolitischer Interessen, wie seine Kritiker meinen, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur: Gerade im Innenressort, in dem über Jahrzehnte hinweg der Reformwille sozialdemokratischer Minister am Beharrungsvermögen sozialdemokratischer Spitzenbeamter zerschellte, war Strasser mit seinem Verständnis von Machtausübung der richtige Mann am richtigen Platz. Die Zusammenlegung von Gendarmerie und Polizei zum Beispiel, an deren sachlicher Richtigkeit kaum Zweifel bestehen, wäre anders nicht zu bewerkstelligen gewesen.
Mit Ernst Strasser verliert Wolfgang Schüssel einen jener Minister, die ganz nah am inhaltlichen Kern des schwarz-blauen "Wendeprojekts" angesiedelt waren: Der bestand und besteht darin, die Verkrustungen aufzubrechen, die sich während der vergangenen Jahrzehnte - übrigens unter tatkräftig-sozialpartnerschaftlicher Mitwirkung der ÖVP - eingeschlichen hatten.
Das Wissen um den riskanten Charakter des ÖVP-FPÖ-Experiments und die damit verbundene Ahnung, dass das Zeitfenster für Reformen jederzeit wieder zugehen konnte, haben den Innenminister zu einer verschärften Gangart bewogen. Dass er sich sowohl im Umgang mit den eigenen Leuten als auch mit den humanitären Organisationen immer wieder zu Ausbrüchen provozieren ließ, gehört auf die Minus-Seite von Strassers Bilanz: Wenn übertriebener Ehrgeiz und mangelnde Gelassenheit ins Spiel kommen, verwandelt sich die Tugend der Konsequenz nicht selten in die Untugend der Grobheit.
Gerade in den Asyl-Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres hat sich diese Schwäche Strassers wiederholt gezeigt: Etliche Eskalationen wären vermeidbar gewesen, hätte der Innenminister sich nicht dazu hinreißen lassen, Meinungsunterschiede und Interessengegensätze als Feindschaften zu inszenieren. (Dass sich auch die NGOs nicht immer durch ausufernde Sachlichkeit hervorgetan haben, sei der Fairness halber erwähnt.)
Der Kanzler verliert mit Ernst Strasser einen Innenminister, der verlässlich die Law-and-order-Kompetenz des freiheitlichen Regierungspartners neutralisierte. Und es kommt ihm nach Benita Ferrero-Waldner ein weiterer Spieler aus der "Grundaufstellung" des Jahres 2000 abhanden. Das trifft Schüssel, weil ihm kaum etwas so unangenehm ist, wie eine Regierungsumbildung. Vor allem, wenn sie über Nacht "ausbricht" und ihn unversehens mit Begehrlichkeiten - etwa der Niederösterreicher - konfrontiert.
Die Einschätzung der Opposition, die Regierung befinde sich "in Auflösung", ist dennoch ein Produkt der Abteilung "Wunschdenken". Der Hinweis auf die "rücktrittsreife" Bildungsministerin wird Schüssel eher in seiner Unterstützung für Elisabeth Gehrer bestärken. Und wer weiß, passt dem flexiblen Kanzler Strassers Abgang nicht einmal schlecht ins Konzept: Die harten Schnitte sind gesetzt, ein freundlicheres Gesicht in der Herrengasse könnte sich gut in die verordnete Wohlfühl-Strategie des kommenden Feierjahres fügen.