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hr Gott heißt Freiheit, ihr Gesetz ist der Krieg. Ihr Hass ist grenzenlos wie die Liebe." Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Angst, die aus dieser russischen Beschreibung der Tschetschenen durchklingt. Doch es sind nicht etwa Moskauer Zeitungen, die sich nun zu derartigen "Charakterstudien" der Geiselnehmer von Beslan hinreißen ließen. Es war der russische Dichter Michail J. Lermontow, der so im 19. Jahrhundert die tschetschenischen Kämpfer beschrieb, die den russischen Eroberern zu trotzen versuchten.
Seit mehr als 200 Jahren toben blutige Schlachten um den Nordkaukasus. Und die Ingredienzien des Konflikts sind bis heute beinahe dieselben geblieben: Das Vormachtstreben Moskaus in seinem Hinterhof, der Kampf um Rohstoffe, und kriegerische Clans, die sich keiner Fremdherrschaft beugen wollen.
Ein Hauptverursacher des heutigen Blutbads ist zweifellos Russlands Präsident Putin. Als 1999 in Moskau Wohnblocks explodierten und islamistische Gruppen Dagestan angriffen, hatte er sofort Diagnose und Therapie parat: Alles Übel kommt aus Tschetschenien und muss mit Stumpf und Stil ausradiert werden.
Putin gewann mit seinem harten Zuschlagen an Popularität in der Bevölkerung. Damals noch Premier, nutzte er gewissenlos den brutalen Feldzug, um neuer Präsident zu werden - mächtiger, als es sein Vorgänger Boris Jelzin je war.
Von diesem hat Putin den Konflikt auch geerbt. 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion, musste Moskau die Kaukasusrepubliken Georgien, Armenien und Aserbaidschan in die Unabhängigkeit entlassen. Bei Tschetschenien wollte Jelzin das aber nicht mehr akzeptieren. Die Folge: ein jahrelanger Krieg, der 1996 mit einem Waffenstillstand endete. Bis Putin erneut Panzer schickte.
Der russische Präsident hat in ein Wespennest gestochen: Je brutaler das Vorgehen seiner Truppen, desto erbitterter der Widerstand der Rebellen.
Doch beim Krieg in Tschetschenien geht es nicht nur um den Unabhängigkeitskampf eines kleinen Volkes gegen eine repressive Zentralmacht. In der Kaukasusrepublik treiben Banden ihr Unwesen, die von Drogenschmuggel, Menschenhandel und Entführungen profitieren. An ihrer Spitze stehen selbsternannte Kriegsherren, die sich mit ihren kriminellen Aktivitäten inmitten des Elends schamlos bereichern. Friede und Sicherheit in Tschetschenien wären nicht gut für ihre schmutzigen Geschäfte. Deshalb fachen sie den Untergrundkrieg immer wieder neu an.
Auch der Kreml hat sich mit dubiosen Organisationen verbündet. Putin setzt auf den Kadyrow-Clan, der die Bevölkerung mit einer Privatarmee terrorisiert.
Tschetscheniens Gift-Cocktail aus Clanwesen, Banditentum und kompromisslosem Partisanenkrieg ist in den vergangenen Jahren um eine neue - tödliche - Zutat reicher geworden: den islamistischen Terror.
Extremisten, die Osama bin Ladens al-Qaida nahe stehen, sind nach Tschetschenien geströmt, um den dortigen Muslimen beizustehen. Sie wollen im Kaukasus einen islamischen "Gottesstaat" errichten. Die durch Krieg und russischen Staatsterror traumatisierte Jugend Tschetscheniens erwies sich besonders anfällig für die Propaganda der Islamisten und trägt jetzt den Terror bis nach Moskau.
Russland hat Angst vor einem Dominoeffekt im Nordkaukasus, sollte es Tschetschenien die Unabhängigkeit gewähren. Die Horrorvision der Kreml-Strategen: ein weiterer Zerfall des russischen Staatsgebietes, der zu einem Gürtel unabhängiger, radikal-islamischer Länder an der Südflanke des Riesenreiches führt. Moskau könnte dann seinen Zugang zu den Bodenschätzen des Kaukasus verlieren. Gerade jetzt, da auch die USA nach der strategisch so wichtigen Region greifen, ist ein Rückzug für den Kreml undenkbar. Ein Ende des Blutbads ist damit nicht abzusehen.
Die Leidtragenden sind - wie so oft - die einfachen Zivilsten: Die Kinder von Grosny genauso wie die Schulkinder in Beslan, die in der Hand rücksichtsloser Mörder Todesangst ausstehen müssen.
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