Der US-Feldzug gegen den Irak hat Fakten geschaffen, von denen Europa ebenso betroffen ist wie Amerika.
Militärs gehen bei ihren Planungen meist vom schlimmstmöglichen Szenario aus, um für alles gerüstet zu sein. Doch im Irak hat man diese Prämisse - so scheint's - nicht beachtet. Dabei ist das Reservoir an denkbaren Problemen noch gar nicht voll ausgeschöpft. Die Gefechte mit den Milizen des radikalen Schiitenführers Al-Sadr sind nur ein Vorgeschmack darauf, was bei einem schiitischen Volksaufstand geschehen würde. Und dieser rückt immer näher.
Die zentrale Figur der irakischen Schiiten ist nicht Al-Sadr, sondern der Großayatollah Ali al-Sistani. Der alte Fuchs Sistani beobachtet noch aus sicherer Entfernung, wie sein junger Konkurrent mit voller Wucht gegen die amerikanische Streitmacht anrennt.
Der Zeitpunkt, zu dem auch Sistani seinen Hunderttausenden Anhängern den Befehl zum Angriff gibt, könnte aber bald kommen. Denn der Ayatollah fühlt sich bei der Verteilung der Macht im Irak benachteiligt.
Die USA und ihre Verbündeten schaffen es bereits jetzt nicht, der vergleichsweise kleinen Gruppe von sunnitischen Saddam-Loyalisten und al-Qaida-Sympathisanten Herr zu werden. Sollte nun ein Zwei-Fronten-Krieg gegen Sunniten und Schiiten losbrechen, würde das Land endgültig im Chaos versinken.
Wie konnten die USA in dieses Schlamassel schlittern? Wie haben sie das "Kunststück" zustande gebracht, binnen eines Jahres die beiden wichtigsten Volksgruppen im Irak gegen sich aufzubringen?
Zu viel Optimismus bei der Planung von Worst-Case-Szenarien ist nur einer der Fehler. Ein Versäumnis, das aber weniger den Streitkräften als den politischen Strategen im Pentagon und im Weißen Haus anzulasten ist.
Es beginnt bei der zu geringen Zahl von Soldaten, die im Irak im Einsatz sind. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte angekündigt, dass mit dem Irak-Feldzug eines neues Kapitel der Kriegsgeschichte geschrieben werde. Kleine bewegliche Bodeneinheiten sollen ausreichen, um mit massiver Luftunterstützung ganze Länder niederzuwerfen. Um eine schlecht bewaffnete konventionelle Armee wie jene Saddam Husseins zu zerschlagen, reichte die geringe Zahl der GIs allemal; um das unübersichtliche eroberte Territorium zu kontrollieren, aber nicht.
Auch in der Einschätzung der politischen Lage im Irak unterliefen der Bush-Administration Fehler. Die einrückenden Amerikaner wurden keineswegs uneingeschränkt als Befreier empfangen, wie das Weiße Haus gehofft hatte. Die Freude über Saddams Ende wich schon bald dem Ärger über die Versäumnisse der Besatzer beim Kampf gegen die Kriminalität und beim Wiederaufbau; und der Wut über mangelnde Sensibilität der GIs gegenüber religiösen Sitten.
Die neue Freiheit bedeutet auch, dass nun alte politische Machtkämpfe aufbrechen, die von Saddam brutal unterdrückt worden sind.
Bei vielen Europäern macht sich nun Schadenfreude breit ob der Probleme der Amerikaner, nach dem Motto: "Wir haben euch ja gleich gesagt, dass der Krieg ein Fehler ist." Aber diese Schadenfreude trägt eine gehörige Portion Masochismus in sich: Der US-Feldzug gegen den Irak mag unüberlegt oder falsch gewesen sein. Er ist aber geschehen. Und er hat Fakten geschaffen, von denen Europa ebenso betroffen ist wie die USA. Also müssen die Europäer alles daran setzen, dass der Karren wieder aus dem Dreck gezogen wird - auch wenn ihn die Amerikaner dort hinein gelenkt haben. Absetzbewegungen wie jene Spaniens führen nicht zum Ziel - so verständlich sie auch aus innenpolitischen Gründen sein mögen.
Die Europäer müssen sich stärker als bisher im Irak engagieren. Wegschauen ist keine Lösung. Oder will Europa direkt vor seiner Haustüre einen Staat, der in einem Bürgerkrieg zerfällt und zur Heimstätte für alle möglichen Extremisten vom Schlage der al-Qaida wird?