Leitartikel: Ja zu Deals mit Terroristen, aber nicht zu jedem Preis

Die Alliierten können nicht über Nacht aus dem Irak abziehen. Trotzdem müssen sie Kompromisse mit den Kidnappern suchen.

Es ist eine Horrorvision für jede Regierung, die sich demokratischen Wahlen stellen muss: Einer ihrer Bürger fleht vor den Augen der Weltöffentlichkeit, ihn aus den Fängen gewissenloser Geiselnehmer zu befreien. Und der Staat hat - ebenfalls in aller Öffentlichkeit - nur eine eiskalte Antwort parat: "Wir fühlen mit dir, aber aufgrund politischer Überlegungen können wir dein Leben nicht retten."

Dieser humanitäre und politische Supergau ist gerade über die britische Regierung hereingebrochen, so wie zuvor schon über die italienische, die amerikanische, die französische und alle anderen, die mit der Verschleppung eigener Staatsangehöriger im Irak konfrontiert sind.

Die Entführungen sind eine schwere Prüfung für die westliche Gesellschaft, in der das Wohl des Einzelnen ebenso viel wiegt, wie die Interessen der anonymen Masse "Volk" und "Staat". Die islamistischen Terroristen wissen um diese Verwundbarkeit des demokratischen Systems. Sie sehen darin eine Schwäche; sie, die bereit sind, ihre Gefolgsleute ohne zu zögern in den Tod zu schicken.

Der Grundsatz, dass das Leben jedes Einzelnen wichtig, ja unbezahlbar ist, gehört zu den Stärken der Demokratie. Es sind aber gerade diese Errungenschaften humanitären Denkens, die in Extremsituationen wie Krieg und Antiterror-Kampf plötzlich auch im Westen zur Disposition stehen. Plötzlich werden Fragen aufgeworfen wie: Darf der Staat Terrorverdächtigen die Bürgerrechte entziehen? Ja sogar längst überwunden geglaubte Diskussionen über die Zulässigkeit von Folter bei Verhören werden wieder angefacht.

Und schließlich taucht die furchtbare Frage auf: Darf ein ganzer Staat den Forderungen von Kidnappern nachgeben, um das Leben - einzelner - Geiseln zu retten? Die Lösung dafür ist sowohl in moralischer als auch politischer Hinsicht äußerst schwierig. Die beste Variante einer Antwort ist wohl: Ja, aber nicht zu jedem Preis.

Die USA und ihre Alliierten können ihre Politik in einer strategisch so wichtigen Weltgegend wie dem Irak nicht über Nacht völlig umkrempeln und bedingungslos alle Truppen abziehen, nur weil irakische Guerilleros das verlangen. Frankreich kann ebenso wenig sein Gesetz zum Verbot religiöser Symbole in Schulen nur deshalb aufheben, weil islamistische Kidnapper das wollen.

Entscheidungen in derart wichtigen Fragen müssen in demokratischen Prozessen in den USA, Großbritannien, Frankreich und den anderen betroffenen Ländern fallen und nicht auf Druck terroristischer Erpresser. Alles andere wäre eine Niederlage der Demokratie.

Das bedeutet aber keineswegs, dass man nicht auch mit Terroristen verhandeln und in manchen Dingen nachgeben soll, um das Leben von Geiseln zu retten. Emissäre westlicher Staaten müssen dafür auch mit den extremsten Fraktionen das Gespräch suchen und Möglichkeiten für Kompromisse ausloten. Eine schwierige Aufgabe, weil man zu lange verabsäumt hat, die Denkweise dieser Gruppen zu erforschen.

Gerade im Irak hat sich gezeigt, dass in manchen Fällen die Erfüllung von Maximalforderungen wie des Abzugs von Soldaten gar nicht nötig war, um Gekidnappte freizubekommen. Oft reichten intensive Gespräche, die Entlassung irakischer Gefangener und die Zahlung von Lösegeld. Glaubt man Insidern, so sind bei fast allen unblutig geregelten Entführungsfällen nicht unbeträchtliche Summen aus Firmen- oder Staatskassen in die Taschen der Geiselnehmer geflossen - eine vielleicht nicht elegante, aber gangbare Lösung.

Doch manchmal hat die Suche nach einem wie auch immer gearteten Deal von vornherein keine Aussicht auf Erfolg. Einigen Islamisten-Gruppen im Irak geht es einzig um den grausamen "Showeffekt" ihrer Taten. Der sichere Tod ihrer Geiseln steht schon im Moment der Entführung fest, die unerfüllbaren Forderungen sind nur eine "Entschuldigung" für das bereits geplante Massaker. Dann besteht ohnehin keine Hoffnung auf ein glückliches Ende.

wieland.schneider@diepresse.com

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