Glosse: Die Grenze

Wenn politische Taktik den U-Bahn-Bau bestimmt, bleiben Pendler auf der Stecke.

Die Grenze in den Köpfen ist schwerer zu überwinden als physische Landesgrenzen - siehe Wien und Niederösterreich. Seit Ewigkeiten wird über eine Verlängerung der U-Bahn über die Grenze nach Niederösterreich diskutiert; seit Ewigkeiten betonen alle Beteiligten die Notwendigkeit einer effektiven Verkehrsanbindung jener Ballungszentren, die nur wenige Meter jenseits von Wien liegen; seit Ewigkeiten passiert nichts bzw. blockieren einander Wien und Niederösterreich.

Die Notwendigkeit einer attraktiven Anbindung fordern alleine die Daten der Volkszählung: Rund um die Großstädte wächst der "Speckgürtel" exorbitant. Die Menschen leben im Grünen und arbeiten in Wien. Und auf den Weg dorthin verstopfen die rund 200.000 Pendler (ein Großteil kommt mangels Alternative mit dem Pkw) die Straßen von Wien und verschleißen gleichzeitig ihre Nerven.

Die Lösung des Problems scheiterte bisher nicht an Konzepten, sondern an taktischen Spielen: Wien wehrte sich, eine attraktive U-Bahn nach Niederösterreich über die Shopping City Süd zu führen - was den Kaufkraftabfluss zur SCS weiter verstärken würde. Niederösterreich hat im Gegenzug wenig Motivation bei der Finanzierung des U-Bahn-Ausbaus auf eigenem Gebiet. Sind doch die Pendler, die in den Wiener Zufahrtsstraßen stauen, ein Wiener Problem - hörte man hinter vorgehaltener Hand in der Vergangenheit. Paradox: Wien und NÖ geben sich gerne international und präsentieren sich (mit dem Burgenland) als Einheit, als "Vienna Region".

Klar: Der U-Bahn-Bau ist teuer; leistbare Mischformen, wie z. B. die Straßenbahn-ähnliche U6 auf der Strecke der Badner Bahn ins Umland fahren zu lassen, sind aber eine attraktive Alternative. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf für dieses Projekt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Lösung nicht wieder an den Grenzen in den Köpfen scheitert.

martin.stuhlpfarrer@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.