Motorrad: Selbstüberschätzung als Sozius

Biker-Training zeigt Motorrad-Fahrern, wie schnell Grenzen erreicht und überschritten sind.

Das Motorrad beginnt kurz zu schlingern, eine Rauchwolke steigt vom blockierenden Hinterreifen auf. „Das war ein bisserl zu fest. Das nächste Mal die Hinterbremse etwas dosierter einsetzen.“ Hans Danzinger, Leiter des ÖAMTC-Fahrtechnikzentrums am Wachauring, hebt die Hand: „Der nächste.“

Es ist ein sonniger Tag am ­Wachauring. Ideales Wetter, um die Reflexe für kritische Situationen zu trainieren und den Grenzbereich des eigenen Motorrads zu erkunden – beim Fahrsicherheitstraining.
Die folgenden Motorradfahrer geben Gas, um auf der langen Geraden bei einer Markierung eine Notbremsung zu simulieren. Wieder rauchen die Hinterreifen.

Auto steht schneller

Dort, wo die meisten Motorradfahrer zum Stehen kamen, stellt Danzinger ein Hütchen auf. Dann steigt er in ein Auto, holt Anlauf und steigt voll in die Bremsen.
Während die Gesichter in der Gruppe immer länger werden, das Auto deutlich vor dem Hütchen steht, erklärt ein ÖAMTC-Instruktor: „Jedes Auto mit ABS und Bremskraftverteiler steht früher als ein Motorrad.“ Bei einer Notbremsung im Straßenverkehr wäre die gesamte Motorrad-Gruppe am Heck des Autos geklebt.

Man beginnt nachzudenken. Über zu viel Risiko, vielleicht mehr Sicherheitsabstand und die Frage, ob die eigene Einschätzung wirklich mit der Realität übereinstimmt. „Das ist der Sinn des Trainings“, erklärt Danzinger.

Gerade das Jahr 2003 hat die Motorrad-Gemeinde wieder dar­an erinnert, dass Tugenden wie Sicherheitsabstand und vorausschauendes Fahren vernachlässigt werden: Die Zahl der getöteten Biker stieg 2003 im Vergleich zu 2002 um 22,5 Prozent auf 109. Eine bittere Bilanz.

Zeit spielt keine Rolle

Damit sich diese Bilanz nicht laufend erhöht, bietet der ÖAMTC in den Fahrtechnikzentren sechs verschiedene Kurse an, die alle Arten von Bikern ansprechen sollen.

Das vierstündige „Warm-up“-Training um 65 Euro eignet sich zum Saisonstart nach der Winterpause, um wieder ein Gefühl für das Bike zu bekommen. Beim eintägigen Intensiv-Training (174,40 Euro wochentags / 196,20 Euro an Wochenenden und Feiertagen) werden Kurven- bzw. Blicktechnik und Notbremsungen trainiert – bevor mit Trial-Motorrädern das Gleichgewichtsgefühl geschult wird.

Beim zweitägigen Perfektionstraining (296,50 Euro wochentags/331,30 Euro an Wochenenden und Feiertagen) können die Teilnehmer durch verschiedene Übungen (z. B. Kreisfahrten) zusätzlich ein Gefühl für die Schräglage entwickeln.
Und das eintägige Perfektionstraining „High Speed“ richtet sich an Biker, die alle Übungen bei hoher Geschwindigkeit im Grenzbereich trainieren wollen. Nebenbei lernt man, die Fahrbahn zu „lesen“ und Gefahren rechtzeitig zu erkennen.

„Viele Unfälle könnten vermieden werden, wenn der Fahrer rechtzeitig und richtig reagiert“, meint der Chef vom Wachauring zum Abschluss des Trainings. „Aber die Leute trainieren die einfachsten Sachen kaum. Weil sie zum Beispiel sagen: ‚Ich kann eh gut bremsen.‘ Die meisten könnens aber nicht.“

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