Winterreifen: Boxenstopp und Reifenwechsel

Wenige Quadratzentimeter Gummi entscheiden bei Eis und Schnee, ob es kracht.

Die Diskussion läuft – ausgehend vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), das eine Winterreifenpflicht gefordert hatte. Denn beim ersten Schnee zeige sich jedes Jahr dasselbe Bild zeigen: Staus und Chaos durch Autofahrer, die zum Teil im Dezember vom Schnee „überrascht“ werden – obwohl 90 Prozent der Österreicher Winterreifen besitzen, aber viele sie nicht rechtzeitig montieren.

„Oktober bis Ostern verwenden“

Während die Diskussion läuft, erinnert der Arbö an die alte Faustregel: „Von O bis O“, von Oktober bis Ostern, sollten Winterreifen montiert sein. Diese bieten bei Temperaturen unter sieben Grad eine deutlich bessere Haftung als Sommerreifen.

Und wenn es derzeit auch keine Winterreifenpflicht gibt, erklärt man beim Arbö: Bei ­einem Unfall mit Sommerreifen im Winter werde sich die Kaskoversicherung wegen grober Fahrlässigkeit zurückziehen.

Probleme gibt es auch, wenn man die Mindestprofiltiefe (Diagonal-Reifen: fünf Millimeter, Gürtelreifen: vier Millimeter) unterschreitet.

Dazu der Reifenhersteller Bridgestone: „Ein Pkw-Reifen muss auf nasser Straße innerhalb von zehn Sekunden rund 500 Liter Wasser verdrängen, ohne den Kontakt zu verlieren.“ Das entspreche einer randvoll gefüllten Badewanne.

Deshalb die zentrale Frage, die Autofahrer vor dem Kauf beschäftigt: Welche Anforderungen muss ein Winterreifen bewältigen? „Es geht um die Rutschsicherheit bei Nässe“, so Willy Matzke vom ÖAMTC. „Auf Eis und kompaktem Schnee fahren wir eigentlich auf Nässe, weil sich auf diesen Oberflächen unter dem Reifen ein Wasserfilm bildet.“

Im Winter sei man zu 90 Prozent auf Nässe unterwegs. Gleichzeitig dürfe sich der Gummi auf Grund der niedrigen Temperaturen nicht verhärten, ergänzt man beim Arbö.

Was kann man von einem modernen Winterreifen erwarten? Wilhelm Krejci von Semperit-Conti: Früher seien die Winter-Pneus grobstollige Reifen für den Schnee gewesen: „Heute wollen die Kunden einen Allround-Reifen, der bei Schnee und Eis ebenso sicher ist wie bei 130 km/h auf der trockenen Autobahn.“

Nachsatz: „Dieser Kompromiss wird immer schwerer, weil die Leute gleichzeitig einen Fahrkomfort wie bei Sommerreifen erwarten.“

Qual der Wahl

Wer sich neue Winterreifen zu­legen will, steht bei den Reifenhändlern vor der Qual der Wahl. Wie erkennt man den idealen Winterreifen? „Der Konsument hat keine Chance, die Qualität von außen zu erkennen“, erklärt Krejci. „Man kann sich nur an einer ­Marke ­orientieren, an Testempfehlungen oder seinen Reifenhändler fragen.“ Matzke: „Es kommt immer auf die richtige Gummimischung bei der Produktion an. Und die kann der Kunde nicht sehen.“ Zu 50 bis 70 Prozent würde die Gummimischung die Qualität des Reifens beeinflussen: „Das Profil wirkt sich nur ein biss­chen, die La-mellenform nur mit rund zehn Prozent auf die Eigenschaften aus.“

Als Orientierung für Konsumenten führt der ÖAMTC regelmäßig Winterreifentests durch. Das Ergebnis des jüngsten Tests mit 31 Mo­dellen kann im Internet unter www.oeamtc.at/reifentests nachgelesen werden.

Reifen als Problem für ABS
Die Basis für die Produktion von Winterreifen ist die Mischung aus Kautschuk und Kunstpolymeren. Wobei Naturkautschuk eine bessere Qualität besitzt als künstlicher Kautschuk, so Matzke: „Zusätzlich gibt es auch beim Naturkautschuk deutliche Unterschiede.“ Diese hingen von der jeweiligen Plantage – und vom Jahrgang ab: „Das führt zu dem komischen Ergebnis, dass ein Reifen in einem Jahr sehr gut bewertet werden kann, im nächsten dann nicht mehr so gut.“ Nachsatz: „Das ist genau so wie beim Wein. Es gibt bessere, aber auch schlechtere Jahrgänge.“

Hat man sich für ein Modell entschieden, sollte man mit den neuen Pneus laut Arbö ein paar Dinge beachten: Die Reifen müssen 300 Kilometer lang eingefahren werden. Sie haben produk­tionsbedingt am Anfang eine geringere Bodenhaftung – besonders auf nasser Fahrbahn. Und: Der Luftdruck muss um 0,2 bar im Vergleich zu den Sommerreifen erhöht werden, damit das Lamellenprofil richtig greifen kann.

In den Forschungslabors der Reifenfirmen wird bereits an den Pneus der Zukunft gearbeitet. Was ist zu erwarten?

Krejci: Evolution statt Revolution sei angesagt. „In den nächsten Jahren wird es eine kontinuierliche Verbesserung bei den Winterreifen geben.“ – „Das muss aber mit der Fahrwerks­elektronik übereinstimmen“, sagt Matzke. Alte Winterreifen seien oft inkompatibel mit ABS: „Wenn das ABS sofort anspricht, ist der Reifen nicht gut, weil er zu wenig Haftung hat.“

Zukunftsmusik sind  Pneus voller Sensoren, die ständig die Fahrbahnzustände an die Elektronik weiterleiten, heißt es bei Semperit-Conti: „Damit zum Beispiel das ESP besser reagieren kann.“

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