Schleier, Opium, Schlamm

Immer wieder heult der Motor des kleinen Kahns auf, der die Fähre über den Grenzfluss schleppt. Am anderen Ufer warten bärtige Männer in Pluderhosen. An ihren Körpern baumeln alte Kalaschnikows. Afghanistan: eine Begegnung.

Der lange Schatten des Wachturms fällt beinahe bis an den Rand des kleinen Gartens. Geblendet von den Strahlen der Sonne blinzelt Jakob Hermann durch seine dicken Brillengläser. Er nutzt den ersten schönen Tag nach einer Woche Regen, um in seinem kleinen Reich nach dem Rechten zu sehen. Im schlammigen Boden picken Hühner nach Futter. Auf sein Federvieh achtet Jakob Hermann ganz besonders. Die zwölf Hühner und vier Enten sind seine Pensionsvorsorge, seine lebende Vorratskammer für schlechte Zeiten. Und schlechte Zeiten hat der Mann schon so manche durchgemacht.

Jakob Hermann runzelt die Stirn und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Zigaretten aus Deutschland, wie er stolz hinzufügt. Aus Deutschland bekommt er nicht nur Rauchwaren, sondern auch Lebensmittel und andere Dinge, die man sonst so braucht. Jetzt, da seine Brüder in Bayern wohnen, ist alles ein wenig leichter geworden. Jakob Hermann ist der Letzte seiner Familie, der noch in dem Häuschen an der Grenze lebt. Er hat sich mittlerweile gewöhnt an die Aussicht auf den riesigen Wachturm, an das nächtliche Gebell der Patrouillenhunde und an die schwer bewaffneten Soldaten vor seinem Garten.

Männer mit Gewehren haben immer wieder über Glück und Unglück der Familie Hermann entschieden. Wie in jener Nacht vor langer Zeit, in der sowjetische Geheimpolizisten die Hermanns und zehntausende andere Wolgadeutsche aus ihren Häusern trieben, in Eisenbahnwaggons pferchten und weit nach Osten verschleppten. Auf Befehl Stalins mussten die Eltern Jakob Hermanns ihre Heimat verlassen. Statt der Wolga wurde der Amu Darja zum Fluss, an dem sich ihr weiteres Schicksal abspielte.

Der Soldat vor Jakob Hermanns Garten beobachtet mit Argwohn die Hügellandschaft auf der anderen Seite des Amu Darja. Dort drüben beginnt die Heimat von Völkern, die sich nie der Herrschaft Moskaus gebeugt haben. Dort drüben beginnt Afghanistan. Und Afghanistan bedeutet jahrzehntelangen Krieg. Krieg, der auch für den Wolgadeutschen in seinem Häuschen an der Grenze immer allgegenwärtig gewesen ist: erst der Guerillakrieg der Mudschaheddin gegen die Sowjettruppen, dann das interne Abschlachten unter den Rebellenfraktionen und schließlich der Feldzug der USA gegen die Taliban und al-Qaida.

An diesem letzten internationalen Waffengang findet der 65-jährige Wolgadeutsche auch positive Aspekte: Früher seien hier immer nur Russen durchgezogen, und "Schwarze", wie er Tadschiken und Afghanen abfällig nennt. "Jetzt kommen aber auch Deutsche." Die Deutschen, die hier gerade aufgetaucht sind, brauchen eine Einreiseerlaubnis. In ihren gefleckten Uniformen stehen sie neben ihren Geländewagen an Deck der alten Fähre und warten darauf, von Bord gehen zu dürfen. Die Männer kommen von der anderen Seite des Grenzflusses, aus Nordafghanistan, wo ihre Einheit seit ein paar Monaten stationiert ist.

Die tadschikischen Beamten wollen die fremden Soldaten ins Land lassen, doch die Russen machen Probleme. Zwei russische Offiziere plaudern vor dem Landungssteg angeregt miteinander, die wuchtigen Schirmmützen tief in den Nacken geschoben. Von Zeit zu Zeit murmelt einer der beiden ein paar Sätze in sein Funkgerät. Eile scheint ihnen nicht geboten.

Während die Deutschen immer ungeduldiger werden, harrt ein Dutzend afghanischer Reisender mit zentralasiatischer Gelassenheit aus. Sie warten auf das Freiwerden der Fähre, um ans andere Ufer - heim nach Afghanistan - übersetzen zu können. Es ist eng in dem Bus, der sie von der russischen Grenzstation ans Flussufer transportiert hat. Doch die Afghanen haben sich an die Rolle des Spielballs größerer Mächte längst gewöhnt. Überall im Bus nur freundliche Gesichter. Es wird gescherzt, mit Saiteninstrumenten aufgespielt.

Endlich dürfen die Bundeswehrsoldaten ihre Feldschuhe auf tadschikischen Boden setzen; die Fähre ist frei für die Überfahrt nach Afghanistan. Es stinkt nach Diesel. Immer wieder heult der Motor des kleinen Kahns auf, der die Fähre nur mit Mühe über den breiten Grenzfluss schleppt. Schwarzer Rauch steigt auf. Die verrostete Nussschale hängt so tief im Wasser, dass sie jeden Augenblick zu versinken droht.

Am anderen Ufer warten bärtige Männer in Pluderhosen. An ihren Körpern baumeln alte Kalaschnikows. Mit aufgesetzt ernster Mine versuchen die ehemaligen Rebellen ihrem neuen Grenzwächteramt Würde zu verleihen.

"What's that?" Die Stimme eines afghanischen Soldaten senkt sich bedrohlich, als ihm der Geruch von Hochprozentigem aus einer Feldflasche in die Nase steigt. "That's medicine." "Medicine?" Der Reisende wird mit strengem Blick taxiert. Alkohol ist verboten in der islamischen Republik Afghanistan. Doch plötzlich huscht ein Schmunzeln über das zerfurchte Gesicht des Kämpfers. Mit einer lässigen Handbewegung gibt er den Weg frei ins Land am Hindukusch.

Hinter der Grenze wird das Gesicht Afghanistans abrupt unfreundlich. Schlamm und tiefe Schlaglöcher verhindern ein rasches Vorwärtskommen. Die Panzerketten der Roten Armee, der Taliban und der Nordallianz haben in 20 Jahren Krieg deutliche Spuren in den Straßen hinterlassen. Seit dem Sturz des Taliban-Regimes herrscht zwar offiziell Friede. Die Verkehrswege wurden dennoch nicht repariert.

Und auch geschossen wird noch immer. Im Süden des Landes sind die "Gotteskrieger" der Taliban wieder auf dem Vormarsch. Und im Norden kämpfen Warlords um die Vorherrschaft im Drogenhandel. Das Geschäft mit dem Suchtgift boomt. Viele Bauern sehen im lukrativen Opiumanbau die einzige Möglichkeit, um ihre Familien zu ernähren.

Der Westen tut nicht viel dagegen, sieht bei der Misere nicht einmal zu, da er seinen Blick ohnehin schon längst von Afghanistan abgewandt hat. Dem Irak und der Golfregion gehören nun seine ganze Aufmerksamkeit, nicht erkennend, welche Gefahren am Hindukusch erneut heraufziehen.

Auch in den Straßen von Kundus versinken die Menschen im Schlamm. Mühevoll quälen sich die Fuhrwerke durch tiefe, braune Lacken. Die Armut in der nordafghanischen Stadt hat ein Gesicht, das der bettelnden Kinder, die auf der Suche nach Geld und Essbarem umherstreunen. Doch nicht nur das Elend, auch das Lachen ist allgegenwärtig in Kundus. Freundlich winken die alten Männer, die am Straßenrand grünen Tee kochen. Im Basar klingt Musik aus einem alten Kassettenrekorder. Sie wird nur manchmal übertönt vom Brüllen eines voll bepackten Esels, der sich standhaft weigert weiterzugehen. Die Fahrer der Fuhrwerke lachen und zeigen stolz auf ihre bunt geschmückten Pferde.

Nur das Lächeln der Frauen ist nicht zu sehen. Es ist verborgen hinter dem Gitter der Burkas. Während der Taliban-Herrschaft war es für Afghaninnen gesetzliche Vorschrift, die Ganzkörper-Verschleierung zu tragen. Heute würde ein Kopftuch genügen. Sainab hatte immer getan, was von einer afghanischen Frau verlangt wird. Bis zu jenem Tag, an dem die 20-Jährige ein Tabu brach. Seit zwei Jahren sitzt sie nun dafür im Gefängnis von Kundus. Mit einer Handvoll anderer Frauen steht sie in einem kleinen Hof der Haftanstalt. Einige halten Kinder in den Armen. "Ich habe meinen Ehemann verlassen und bin mit einem anderen weggelaufen", erzählt Sainab. Bei der Familie ihres Mannes habe sie es nicht ausgehalten, da sich dessen Brüder über sie hermachen wollten, berichtet die junge Frau. Ein Freund des Hauses bot ihr schließlich an, sie wegzubringen, und sie akzeptierte. Als man die beiden erwischte, wurde auch er eingesperrt. Er durfte sich bei der Gerichtsverhandlung verteidigen. Sainab dagegen wurde nicht gestattet zu sprechen, sie wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.

"Sie könnte auch früher nach Hause gehen, vorausgesetzt, ihr rechtmäßiger Ehemann holt sie ab", sagt Gefängnisdirektor Abdel Halim. Er ist ein freundlicher Mann, erzählt stolz von einem Zertifikat, das er von einer ausländischen Menschenrechtsorganisation erhalten habe. "Darin steht, dass ich mein Gefängnis vorbildlich führe."

Durch den schmalen Fensterspalt fällt nur wenig Licht. Es riecht nach Schweiß und Urin. Mehrere Männer kauern auf zwei Betten mit schmutzigen Laken. Die hageren Gestalten gehören nicht zu den Schutzbefohlenen von Gefängnischef Halim. Sie sind Patienten des Krankenhauses von Kundus. 30 Betten hat das einzige funktionierende Spital der afghanischen Stadt. Doch die sind heillos überbelegt.

"Unsere Patienten leiden vor allem an Infektionskrankheiten", berichtet Doktor Hamayun Khamush. "Die Menschen haben keine Ahnung von Hygiene. Sie verwenden Tierurin zum Düngen und trinken das schmutzige Wasser aus den Flüssen." Gegen Cholera will der Krankenhausleiter kämpfen, gegen Tuberkulose, Malaria und all das andere, das die Menschen in Kundus peinigt. Doch der Kampf ist aussichtslos. "Wir haben viel zu wenig Medikamente und Infusionen", klagt der Arzt. Dabei wäre medizinische Hilfe so wichtig. Viele leiden an Unterernährung, haben nicht mehr genügend Kraft, um den harmlosesten Krankheiten zu widerstehen.

Bei schweren Fällen ist ohnehin keine Hilfe möglich. "Krebs können wir nicht behandeln, weil wir dafür keine Medikamente haben", sagt Khamush. Um die Krankheit im Frühstadium zu erkennen, fehlen die Testmöglichkeiten. Es gibt auch kein Elektrokardiogramm, keine Beatmungsgeräte, keine Apparate, um ein Blutbild zu erstellen. Der einzige Stolz von Doktor Khamush und seinen Mitarbeitern ist ein Röntgenapparat, ein Geschenk des Roten Kreuzes.

Der Spitalsleiter übt sich aber in positivem Denken: "Jetzt haben wir wenigstens ein Krankenhaus für alle. Während der Taliban gab es in Kundus nur ein Lazarett für verwundete Kämpfer." Auch heute steht in der Stadt wieder ein Lazarett, bei den deutschen Friedenstruppen, die hier ihr Camp aufgeschlagen haben. Von den Problemen, die Doktor Khamush hat, ist dort keine Spur. Es gibt Medikamentenvorräte für 14 Tage, voll ausgestattete Operationssäle, eine Intensivstation, Labors, Ultraschall und mehrere Röntgengeräte. Und per Videoschaltung können Experten in Deutschland bei chirurgischen Eingriffen direkt um Rat gefragt werden.

Bisher hatten die deutschen Sanitäter nicht viele Patienten. Denn nur Soldaten und Angehörige internationaler Organisationen werden hier betreut. Afghanische Zivilisten versorgen die Militärärzte nicht. "Das hat keinen Sinn. Wir beginnen sonst mit einer Behandlung, die wir nicht zu Ende führen können. Denn wer weiß, wie lange wir noch hier sind."

Geht es nach der Regierung in Berlin, sollen die deutschen Soldaten aber noch lange bleiben. Und Jakob Hermann wird sie immer wieder beim Übersetzen des Amu Darja beobachten können. Mit jedem Deutschen den er sieht, wächst seine Sehnsucht nach dem Land seiner Vorfahren, das er erst einmal besucht hat. "Als ich bei meinen Brüdern in Bayern war, haben sie mir einen Videorecorder geschenkt." Acht Stunden Deutschland hat Hermann auf Video. Er sieht sie sich wieder und wieder an und träumt von einem Leben in Deutschland - weit weg von seinem Häuschen an der Grenze, weit weg vom Schatten des russischen Wachturms. [*]

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