Erna oder: Die Angst vorm Siechtum im Pflegeheim. Ein Bericht über meine Großmutter.
Prolog: "Die Angst, in Pflegeheimen schlecht behandelt zu werden, treibt viele alte Menschen in den Freitod. Das berichtet der ,Focus' unter Berufung auf eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charit©. Erstmals hätten Wissenschaftler die Suizidmotive von Senioren zwischen 65 und 95 Jahren ergründet. In Abschiedsbriefen gaben fast alle Betroffenen direkt oder indirekt an, sie wollten mit einem Suizid ihrer Heimeinweisung zuvorkommen. Sie hatten befürchtet, entmündigt und entrechtet zu werden. Entscheidendes Motiv war meist Angst vor Hilflosigkeit und unwürdigem Weiterleben." (Agenturmeldung, September 2004)
Meine Großmutter Erna ist eine starke Frau, eine äußerst starke Persönlichkeit. So stark, dass sie manchmal hart ist. Erna war immer einfach Erna, die Mutter meiner Mutter. Die meinem Bruder und mir Skifahren beibrachte. Deren Gesicht von Ausflügen auf Gletschern oft verbrannt war. Niemals war sie "Oma" oder "Großmutter".
Seit ich schwimmen kann, weiß ich, was es bedeutet, dass Erna die Donau durchschwommen hat. Seit ich groß bin, weiß ich, dass Erna winzig ist, mir knapp bis zum Oberarm reichend. Seit ich Auto fahre, weiß ich, dass man normalerweise beim Chauffieren nicht unter dem Lenkrad durchschaut. Seit ich eine erwachsene Frau bin, begreife ich, dass ihre Reisen nach Indien, Nepal, Pakistan und ihre Expeditionen in den Himalaya, gemeinsam mit ihrem Mann, Dinge sind, die die wenigsten meiner Freundinnen von ihren Großmüttern erzählen können. Auch Ernas Streit mit ihrem Partner während ei- ner Reise durch Afghanistan, die Trennung auf der Stelle und Ernas alleiniges Fortführen der Reise: nicht alltäglich.
Das erste Gespräch über den Tod führten wir, als ich 18 war: Es war ein Streit. Das war, als wir gemeinsam eine Irland-Reise machten, die Erna zu der Erkenntnis brachte, dies sei ein Land, das man sich zu Fuß ergehen sollte, nicht unsportlich wie wir im Auto herumfahrend. Sie chauffierte, ich zündete ihr die Zigaretten an, es war schön. In der theoretischen, nicht auf uns bezogenen Diskussion habe ich vage, undefinierte spirituelle Ideen vertreten. Erna als Atheistin und absolute Körperfrau konnte sich ohne materielles Leben nichts vorstellen: Wenn du stirbst, ist es aus, und du bist - alles an dir ist - weg. Ich hingegen: Jenseits, After life, Karma? Erna: Stirnrunzeln.
Seit ich studiere, ist Erna zu einer kritischen, aber nie gefährlichen Diskussionspartnerin geworden. Sie ist eine wichtige Ansprechperson, eine Fellow-Sozialwissenschaftlerin, eine, die meine "Papers" genau liest und Fragen stellt. Gescheite Fragen, die mich freuen oder mich nachdenken lassen. Erna, meine Großmutter, die ehemalige Universitätsdozentin, ist zu meinem Rückzugsort geworden, denn sie lebt zurückgezogen, allein in einem selbst renovierten, 150 Jahre alten Bergbauernhof hoch oben in den Dolomiten im Alto Adige. Bei ihr kann ich lesen, die Diplomarbeit fertig stellen. In der Sonne in ihrem bunten Blumen- und Gemüsegarten. Oder aber umgeben von Schneemassen in der verrauchten Stube, eingeklemmt zwischen Scrabblebrett und Schaukelstuhl. Sie liest, runzelt die Stirn, isst Schokolade. Seit einiger Zeit schnauft sie beim Lesen, oder es pfeift sogar, wenn sie atmet. Weil sie schlecht hört, merkt sie das nicht. - Erna begann meist erst gegen Ende meiner Besuche übers Altwerden, über das Versagen ihres Körpers zu sprechen. Darü- ber, wie wütend sie wird, wenn der Körper nicht mehr alles macht, was sie will. Etwa Ausflüge, allein in den Dolomiten, samt Übernachtung im Freien. Sie sagt, wie schmerzhaft es nun sei, die Nordkette bei Innsbruck zu sehen und zu wissen: nie mehr?, nie mehr! Dass es doch so viele neue tolle Sportarten gäbe, die sie gern ausprobieren würde: Snowboarden und Paragliden und wie sie alle heißen! Ich habe mir mein Lachen damals verbeißen müssen, so berührend fand ich die Abenteuerlust der 70-Jährigen. - In den nächsten Jahren wurden unsere Gespräche länger und offener. Vom Sterben war die Rede. Nachdem Erna einen leichten Schlaganfall gehabt hatte (von dem ihr keinerlei Beeinträchtigungen blieben), ging es nicht mehr theoretisch um das Sterben. Es ging ihr um Selbstbestimmung, um den Tod als etwas, was sie sich nehmen, selbst bestimmen und herbeiführen kann. Damals habe ich geweint. Es war schwer, mit ihr über ihr Sterben zu reden. Ihr Wunsch, nicht in ei- nem Spital zu landen, nicht von ihrem Bergbauernhof wegzumüssen, war omnipräsent. Nach Wien, wo sie in unserer Nähe und Pflege sein könnte, das hieße, weg aus dem Alto Adige, und das war unmöglich. Pflege? Unvorstellbar.
Ihre Bitte, mich in Wien umzuhören, wo man größere Mengen Rohypnol bekommen könne, habe ich kopfschüttelnd beantwortet. Ich habe diese Bitte niemals vergessen. Erna hat sogar einige Monate danach wieder gefragt, und ich habe einfach nur "nein" gesagt. - Beim nächsten Gespräch, ein Jahr später, haben wir wieder diskutiert: Sie überlegte, ihr Leben selbst zu beschließen. Ich zweifelte an, dass man das darf.
Bei unserer Reise in Israel und den besetzen Gebieten, ich war Mitte 20, redeten wir nicht darüber. Erna war derart fit und agil, dass sie mich, die fast 50 Jahre Jüngere, jeden Tag bis zur Erschöpfung durchs Land trieb. Wenn uns, die wir oft am heißen Straßenrand zu Fuß gingen, jemand eine Mitfahrgelegenheit anbot, dann wegen ihres Alters - aber ich war die, die das Angebot gern annahm. Im steilen Wadi von Ein Gedi am Toten Meer wurde Erna beim Abstieg bestaunt und beglückwünscht, es wurden ihr "120 Jor" gewünscht - was sie mit "Hoffe nicht!" konterte. Als sie, die Donaudurchschwimmerin, dann etwas später im Toten Meer nicht mit dem Auftrieb durch das Salz zurechtkam und das Gefühl hatte, nicht mehr schwimmen zu können, war sie fürchterlich deprimiert. "Und jetzt kann ich nicht einmal mehr das, er gehorcht mir einfach nicht mehr", sagte sie über ihren alternden Körper, als wir am Abend in Jerusalem gemeinsam auf der Couch saßen.
Sie mochte nicht alt werden, aber sie begann, sich alt zu fühlen, ihr Körper sandte ihr eindeutige Botschaften. Dass sie den richtigen Zeitpunkt versäumen könnte, war ihr eine quälende Vorstellung. Sie wollte immer wieder von mir wissen: Wie macht das deine andere Großmutter?
Die Müdigkeit ihres Körpers machte sie zornig, sie mochte nicht dahinsiechen, nicht alt werden, nicht aus ihrem Haus und Garten wegmüssen, eine Last werden, von anderen abhängig sein. Ich denke, das war wohl das Hauptthema: die Angst davor, nicht mehr vollkommen frei und selbstständig zu sein, wie sie es immer war und was sie sich immer erkämpft hatte. Ich hingegen, manchmal verzweifelt ob ihrer Sturheit, argumentierte: dass wir das Leben bekommen, wie ein Geschenk. Wir nehmen es uns nicht, und daher müssen wir auch warten, wie es zu Ende geht. Wir müssen es hüten und dürfen es nicht wegwerfen. Dass Altern ein Teil davon sei - wie glaubwürdig, wenn das von einem Twen zu einer alten Frau gesprochen wird? Aber mein Gefühl war stark, meine Überzeugung unerschütterlich: Es liegt nicht an uns, den Zeitpunkt zu bestimmen!
Ich brachte ihr das "Tibetanische Totenbuch", das sie voll Interesse - theoretischem Interesse - las. Änderungen ihrer Einstellung? Nada, niente, nichts. Tod ist Aus! Ich brachte ihr Norberto Bobbios "De senectute" über sein eigenes Altern. Erna meinte, er sei aufgeblasen. Nichts war ihr ein Trost. Erna, so mein Eindruck, nahm das Altern wie einen Fluch, eine Bürde wahr, wie eine unverdiente und unwillkommene Ungerechtigkeit, der man mit Trotz und Abwehr begegnen musste. Und das man beenden konnte, wenn es genug war. Sie erzählte von Nächten, in denen sie über ihr Leben nachdachte und nicht mehr einschlafen konnte. Die Erinnerung an Erlebnisse und unabgeschlossene Dinge quälte sie, machte sie auch trau-rig, denke ich. Außerdem wurde sie nun halbjährlich verzweifelter, weil sie immer stärkere Schmerzen hatte. Die Schmerzen in den Armen, später auch in den Beinen waren undefinierbarer Herkunft, aber beträchtlich und erst nach sehr langem Herumprobieren und Arztwechseln zumindest zeitweise irgendwie unter Kontrolle. Ich glaube, sie hat sich diese Schmerzen erst eingestanden, als sie schon gravierend waren.
Sie gab mir eine Kopie einer vorgedruckten Erklärung, die sie ausgefüllt hatte: bezüglich lebensverlängernder Maßnahmen, die sie ablehnte, und Schmerzbehandlung, die sie anforderte, wenn es notwendig sei. Und ich legte das Papier zu meinen wichtigen Dokumenten.
Ich malte mir manchmal aus, dass sie stürzen könnte, im Winter, in ihrem unwegsamen Garten oder bei einem Spaziergang, und erfrieren. Sorgen quälten mich und das Unvermögen, sie zu beschützen, aus Wien, aus der Ferne. Immerhin telefonierten wir wöchentlich.
Als ich einmal zu Besuch war, wachte ich in der Früh spät auf und hörte sie nicht wie immer unten in der Küche. An diesem Tag lag ich sicher noch eine Stunde im Bett, überzeugt, dass die Frau im Nebenzimmer in der Nacht gestorben war. Ich lag voll Angst, mich selbst vorbereitend auf ihren kalten Körper, bis ich ihre Türe laut quietschen hörte, sie stapfend hinuntergehen. Von da an war sie für mich wirklich sterblich geworden, Erna-Gedanken waren verbunden mit dem Tod, mit Sorgen um sie.
Erna begann ihr Geld, die Ersparnisse, die sich aufgrund ihres bescheidenen, luxus- und lustfeindlichen Lebensstils, einer mir fremden Sparsamkeit, angesammelt hatten, zu verteilen. Sie gab mir genug, um in Ruhe einige Jahre an meiner Dissertation arbeiten zu können. Von meiner Großmutter, die als allein erziehende Mutter zweier Kinder den von den Nazis unterbrochenen Schulabschluss sehr spät nachholte, dann studierte und Wissenschaftlerin wurde (nachdem sie, zum Beweis für ihr wahres Kommunistinnentum, aus Solidarität mit dem Proletariat, in einer Fabrik gearbeitet hatte), von dieser Frau wurde mir meine Dissertation ermöglicht. Sie gab eines Winterabends meinem Bruder und mir beim Abschiednehmen jeweils ein Sparbuch, mit der gemurmelten Bemerkung: "Besser jetzt als dann später kompliziert."
Ein paar Wochen danach machte sich Erna auf eine seit einem Jahr geplante und mit Ungeduld ersehnte Reise nach Äthiopien und Eritrea. Sie kam zurück. Und starb zwei Wochen später. In den Bergen, in ihrem geliebten Haus. Sie war auf dem Weg zur Sonnenterrasse, mit einer Dose Nüsse und Schokolade in der Hand, als sie einen tödlichen Schlaganfall hatte. Einen Tag später fand sie die Nachbarbäuerin, angelockt durch das Schreien von Ernas Katze, die bei ihr saß. Keine meiner üblen Befürchtungen und morbiden Visionen wurde wahr. Keiner von Ernas Exit-Plänen musste in die Tat umgesetzt werden. Sie bekam ihren Willen, aber nicht ihren gewaltsamen Freitod. Sie starb exakt, wo und wann sie wollte. Zu Hause und schnell, ohne Schmerzen und bei Bewusstsein.
Niemals hat ein Tod mich so geschmerzt, noch niemals ist jemand gestorben, der mir so nahe war, den ich so geliebt, respektiert und bewundert habe. Und noch nie hat ein Tod etwas derart Beruhigendes gehabt, eine Klarheit und etwas Passendes. Er hat mich ob seiner Angemessenheit wieder und wieder in der Trauer zum Lachen gebracht. Erna wollte sich immer in die Angelegenheit ihres eigenen Todes einmischen, ihn bestimmen, mit ihrem Willen lenken, ihn erzwingen. Nun war er gekommen. Natürlich - und trotzdem nach ihrem Willen. Ihr Stil, zu bekommen, was sie wollte, ihren eisernen Willen durchzusetzen, hat sogar ihren Tod geprägt, ganz ohne Rohypnol.
Als ich ein Jahr später ihre Bibliothek ausräumte, entdeckte ich eine Mappe mit säuberlichen Notizen über Exit-Organisationen, über Medikamente, über Autoren, Befürworter und Gegner des "Humanen Sterbens", so und ähnlich die Titel der Bücher, die ich fand. Ich habe sie damals sehr aufmerksam durchgeblättert und geschaut, wo die Eselsohren sind, habe nachgelesen, was Erna darin - eine fürchterliche Angewohnheit - mit Kugelschreiber kommentiert oder markiert hatte. Erschrocken merkte ich, dass sie nicht nur Gespräche geführt hatte mit mir, sondern in alter Wissenschaftlerinnengewohnheit relativ systematisch recherchiert, sich Informationen besorgt, sich genau vorbereitet hatte. Auf was?
Ich weiß nicht, wie entschlossen sie war.
Ich habe damals, beim Aufräumen, in ihrem umfangreichen und vorbildlich geordneten Medikamentenschrank auch genau geschaut: nichts Auffälliges, die Lade "Schlafmittel" von normalem Umfang. Es war immer klar, wenn auch für mich schwer zu verstehen, dass es ihr ernst war. Und jetzt grübelte ich, ob sie es wirklich getan hätte. Ob einige depressive Tage ausgereicht hätten. Oder eine nicht enden scheinende Schmerzphase im Winter. Oder eine lange Zeit ohne Besucher. Quälend empfinde ich die Möglichkeit, dass sie sich das Leben genommen, sich die Befreiung vom Alter, den Tod, selbst geschenkt hätte. Aber am meisten beschäftigt mich die Frage, was sie davon abgehalten hat. [*]
Leyla Brill ist Anfang 30, Dr. phil. und arbeitet als Sozialwissenschaftlerin in Wien. Der Name ist ein Pseudonym.