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Fragen Sie nach Brecht!

"Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz", telegrafiert Peter Lorre 1933 von Wien an Goebbels nach Berlins. Stationen einer österreichisch-deutsch-amerikanischen Karriere.

Für Charles Chaplin war er "der größte lebende Schauspieler", für Graham Greene ein "Genie von großer Tiefe in einer oberflächlichen Kunst" - Peter Lorre. Wer ist dieser Mann? Peter Lorre kommt als László Loewenstein am 26. Juni 1904 im slowakisch-ungarischen Rosenberg zur Welt - als ältester Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Als der Vater 1916 invalide von der russischen Front heimkehrt, packt die Familie die Koffer, um im südlichsten Zipfel der Steiermark, nahe Marburg, einen Gutshof zu erwerben. Der Zerfall der Donaumonarchie macht die Loewensteins zu Auslän-dern im neuen Königreich Jugoslawien. Ihr Gut wird unter staatliche Kontrolle gestellt. Die Familie zieht nach Wien, wo der Vater eine leitende Stelle bei den Steyr-Autowerken antritt.

Lászlós Berufswunsch, Schauspieler, stößt bei den Eltern auf wenig positive Resonanz. Halbherzig fügt sich der 17-Jährige und nimmt eine Lehrstelle bei einer Englisch-Österreichischen Bank in Wien an. Abends besucht er Theatervorstellungen und Künstlercafés. Er kommt in Kontakt mit Autoren, Regisseuren, Schauspielern. 1923 lernt er Jacob Levy Moreno kennen. In Ablehnung des traditionellen Theaters führt der praktizierende Arzt eine experimentelle Stegreifbühne in der Maysedergasse. László wird in die Schauspielgruppe aufgenommen (der bereits Elisabeth Bergner angehört), und über Moreno, der später in den USA das sogenannte Psychodrama begründen wird, findet er zu seinem individuellen Darstellungsstil. Moreno ist es auch, der den Künstlernamen Peter Lorre kreiert, indem er in dem Substantiv "Rolle" die Buchstaben R und L vertauscht.

Das experimentelle Stegreiftheater lockt prominente Besucher wie Arthur Schnitzler, Franz Theodor Csokor und den deutschen Theaterregisseur Leo Mittler an. Dieser offeriert Lorre ein Engagement in Breslau. Auf das Debüt, 1924, folgen kleinere Auftritte in Zürich und Wien, vornehmlich im komischen Fach. In der Schweiz erkrankt Lorre schwer. Zur Schmerzlinderung wird ihm Morphium verabreicht. Das Morphium wird Lorres ständiger Weggefährte.

1928 wird er in Berlin vorstellig: im Avantgardetheater am Schiffbauerdamm. Der Direktor, Ernst Josef Aufricht, beim Anblick des 1,62 Meter großen Peter Lorre: "Sie sehen wie eine Kaulquappe aus. Auf der Bühne wird geprobt. Fragen Sie nach Brecht! Ich schicke Sie ihm für die Rolle des Dorftrottels." Tatsächlich wird für die Rolle des Dorftrottels Fabian in Marieluise Fleißers Stück "Pioniere in Ingolstadt" noch ein Schauspieler gesucht. Nach dem Vorsprechen ist Brecht hellauf begeistert. Der Berliner "Börsen-Courier" schreibt: "Peter Lorres Fabian, mit Glotzaugen, beschränkt, ein gedruckter, gehemmter, unterdrückter Kleinstadtgymnasiast. Mit einem Ausdruck, immer an der Grenze zwischen Tragik und Komik, hysterisch und doch gestaltend, ungewöhnlich, mit einfachsten Mitteln arbeitend." Lorre wird über Nacht zum Bühnenstar.

In den folgenden Jahren spielt er mit der deutschsprachigen Avantgarde wie Lotte Lenya, Theo Lingen, Helene Weigel. Wien-Besuche führen ihn ins Café Stiller, ins Café Central, zu Vorträgen von Alfred Adler, zu Diskussionsrunden mit Karl Kraus. Als 1930 der Stummfilmregisseur Fritz Lang mit einem Angebot an Lorre herantritt, lehnt dieser mit Hinweis auf seine körperliche Größe und sein äußeres Erscheinungsbild ab. Doch Lang bleibt hartnäckig und legt nach einigen Monaten ein Drehbuch vor, das für Lorre die Hauptrolle - des Kindermörders Hans Beckert - vorsieht. Lorres Begeisterung über das Filmskript, dem der Kriminalfall des Düsseldorfer Serienmörders Peter Kürten zugrunde liegt, ist groß. Der besonnen, leicht verweichlicht wirkende Kleinbürger Beckert entpuppt sich als mordendes Ungeheuer. Bei der Premiere von "M" am 11. Mai 1931 im Berliner UFA-Palast erntet Fritz Lang Standing Ovations für seinen ersten Tonfilm und Peter Lorre für seine schauspielerische Glanzleistung. Lorre ist als pathologischer Triebtäter mit suggestiver Stimme derart überzeugend, dass das Stigma
des Bösen und Bedrohlichen sein gesamtes späteres Künstlerleben bestimmen und eingrenzen wird.

Bei Hitlers Machtergreifung, im Jänner 1933, hofft Lorre so wie viele andere, dass die "antisemitischen Hetzkampagnen nur Propagandagetöse waren". Doch in den folgenden Wochen wird es dem "Lieblingsschauspieler des Führers" in Berlin zu gefährlich. Am 25. Februar 1933 reist er nach Wien, wo zwei Wochen später die Dreharbeiten für den Film "Unsichtbare Gegner" beginnen. Kaum ist die letzte Szene abgedreht, erreicht Lorre ein Telegramm der UFA: "Sofort zu Goebbels kommen, Vertrag schließen." Lorres Antwort: "Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz."

1933: Paris, das schäbige Hotel Ansonia in der Rue de Saigon. Ein Freund, Billy Wilder, hilft finanziell. 1934: ein Filmangebot von Alfred Hitchcock. In dem Agententhriller "The Man who knew too much" soll Lorre die Rolle des liebenswürdig-teuflischen Terroristen Abbott übernehmen. Mit geborgtem Fahrgeld und "einem aus allen Nähten krachenden Anzug" macht er sich auf nach London. Nach der Premiere in den US-Kinos schreibt die "New York Times": "Lorre gelingt es, seine Rolle mit dunklen und furchterregenden Emotionen auszufüllen, ohne dabei den sanften Ausdruck seines Mondgesichts zu beeinträchtigen."

Darauf, noch im Sommer 1934, meldet sich die US-Filmgesellschaft Columbia Pictures. Der Wochengage von 1000 Dollar kann Lorre nicht widerstehen. Hollywood also. Villa mit Meeresblick in Santa Monica. "Ich könnte nicht, zum Beispiel, die Art von Rollen spielen, die einen Clark Gable erfordern. Ich könnte keinen hochgewachsenen Wikinger mit Helm spielen. Das heißt nicht, dass ich nicht einen jugendlichen, träumerischen oder mörderischen Liebhaber spielen kann oder einen Falstaff." Nach einjähriger Wartezeit übernimmt Lorre unter schwerem finanziellem Druck die Hauptrolle in dem Remake "Mad Love". Was für manche schlichtweg ein Horrorfilm in bester Tradition ist, verwandelt Lorre in eine psychologische Studie des Bösen. "Lorre hoffte, dass er nicht auf Horror-Rollen festgelegt wird", so die "New York Sunday Times" am 24. November 1935, "aber da er ja ein so treffsicheres Talent zu besitzen scheint, Horror zu projizieren, ist zu befürchten, dass Hollywood wenig andere Betätigungen für ihn findet." Es folgt eine Reihe von B-Movies.

1937 fällt Lorre in eine psychische Krise und nimmt verstärkt Morphium. Ein klinischer Entzug wird notwendig. Im Sanatorium sucht ihn der Regisseur Norman Forster mit einem Filmskript auf. Lorre soll den japanischen Privatdetektiv Mr. Moto spielen. Mit dieser Rolle bietet die 20th Century Fox die erste Chance eines Imagewechsels. Der Erfolg des Pilotfilms lässt sieben Moto-Filme folgen, die Lorre populär und reich machen - und doch ist er froh, als im Frühjahr 1939 die Serie eingestellt wird.

Lorre dreht nun als Freelancer Filme unterschiedlicher Qualität. Hervorstechend ist die Krimikomödie "I was an Adventuress", in der er gemeinsam mit dem gebürtigen Wiener Erich von Stroheim als französischer Taschendieb brilliert. Ein Meisterwerk auch "The Maltese Falcon", mit dem John Houston sein Regiedebüt gibt. Mit einem Kurzauftritt in "Casablanca" erregt Lorre die Aufmerksamkeit von Warner Brothers. Er zählt in diesen Jahren zu den gefragtesten Charakterschauspielern Hollywoods, pflegt Kontakte zu Bogart, Wilder, Brecht. Lorres Morphium- und Alkoholkonsum sinkt.

Ende der Vierzigerjahre: McCarthys Hexenjagd beginnt. Lorre wird - neben 200 anderen Hollywoodgrößen - als "Stalin Star" stigmatisiert. Er tingelt mit Texten von Edgar Allan Poe und billigen Horrornummern durch den Osten der USA. Mit nichts als zwei Koffern flieht er nach Westdeutschland. Seine Literaturtournee endet im März 1950 in Garmisch-Partenkirchen, wo er erneut ei- ne Entziehungskur machen muss.

Mit einem eigenen Drehbuch plant er sein Comeback. "Der Verlorene" erzählt die Geschichte des Serumforschers Dr. Karl Rothe, der vom Naziregime zum Mord seiner Verlobten getrieben wird. Nachdem die persönliche Hemmschwelle durchbrochen ist, wird er zum Wiederholungstäter. Der NS-Staat zeigt sich nur an seinen Forschungen, nicht aber an seinen Verbrechen interessiert. Der Film stellt den Einzelmord dem technisierten Massenmord in den Vernichtungslagern gegenüber. Rothe ist Täter, Opfer und Mitläufer eines verbrecherischen Regimes. Die Dreharbeiten beginnen im November 1950. Allergrößten Wert legt Lorre auf den Realismus, deshalb bewegt sich die Kamera durch die Schuttberge von Hamburg. Der "Spiegel" prägt den Begriff des "Lorrealismus", da der Schauspieler selbst den Neorealismus zu übertreffen versucht. Mit geradezu beängstigender Ruhe und Gleichgültigkeit spielt Lorre die Rolle seines Lebens.

Die Premiere dieses "Film Noir" findet auf der Biennale in Venedig im September 1951 statt, wo der Film außer Konkurrenz läuft. Vergleiche zwischen "M", der die sozialen und psychischen Zustände des Präfaschismus darstellt, und dem "Verlorenen", der den Postfaschismus mit der Kamera einfängt, werden gezogen. Lorre erhält den ersten Bundesfilmpreis der Nachkriegszeit. Doch das Kinopublikum liebt seichte Unterhaltung. Zu Beginn der Fünfzigerjahre sind politische Filme, die sich mit der jüngsten deutschen Vergangenheit auseinander setzen, nicht gefragt. Folglich gibt es für Lorre keine neuen Regie- oder Bühnenangebote.

1952 kehrt er in die USA zurück. Monatelang zieht er mit Lesungen durch die Lande. Erst zwei Jahre später holt ihn der Freund John Huston wieder ans Set: Lorre gibt einen kleinen Ganoven in "Beat the Devil". Plötzlich scheint der 50-Jährige wieder gefragt, wenngleich sein verändertes Aussehen - er hat 50 Kilo zugenommen - die Rollenangebote reduziert. Lorre spielt in "Around the World in 80 Days", "The Buster Keaton Story" und häufig in Serien und Comedy-Shows. Als zu Beginn der Sechzigerjahre das Horror-Genre einen Aufschwung nimmt, wird er mit Boris Karloff für die Poe-Verfilmung "The Raven" vor die Kamera geholt.

Im Laufe seiner 42-jährigen Schauspielertätigkeit musste Lorre seine hohen künstlerischen Ansprüche an sich und sein Metier zurückschrauben. Resignation beherrscht zuletzt auch sein Privatleben. Nach der dritten Scheidung, 1962, zieht er sich in ein Zwei-Zimmer-Appartement am Hollywood Boulevard zurück. Seine Kontakte beschränken sich auf Fritz Lang, seine Exfrauen Kaaren und Cäcilie sowie seine Tochter Cathy. Am 23. März 1964 wird der große Theatermime und Filmstar Peter Lorre im Alter von 60 Jahren tot aufgefunden.