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"Beim Singen vergaßen wir den Hunger"

Hannelore Brenner-Wonschick über das Überleben im KZ.

Hannelore Brenner-Wonschick er zählt hier vom Alltag und Schick sal einer Gruppe jüdischer, meist tschechischer Mädchen im Alter von zwölf bis 14 Jahren, die zwischen 1942 und 1944 im Zimmer 28 des Mädchenheims L410 des "Vorzeige-KZs" Theresienstadt überlebten. Der Markt scheint das Buch als belletristische Erinnerungsliteratur wahrzunehmen und ihm daher wenig Beachtung zu schenken. Dabei geht es hier nicht nur um seriöse, gemeinsame deutsch-jüdische Aufarbeitung der Shoa, sondern auch um ein Stück dicht erzählter Zeitgeschichte, wie sie in dieser Form neu ist.

Das Neue wurzelt in dem besonderen Ansatz dieses Buches. 1997 griff die Autorin den Wunsch zweier der "Mädchen von Zimmer 28" auf, ein "Gedenkbuch" zur Erinnerung an die in Auschwitz ermordeten Kameradinnen zu verfassen, auch gedacht als Würdigung der enormen Leistung der Theresienstädter "Jugendfürsorge". Die Beschäftigung mit dem Thema und die Begegnungen mit weiteren zehn der Überlebenden vom Zimmer 28, die in aller Welt zerstreut leben, entfalteten schnell eine eigene Dynamik, so dass aus dem "kleinen" Buch ein "großes" wurde. Ein Buch, das diverse Aspekte, Biografien, authentische Zeugnisse vereint und so geschickt im Kontext der historischen Ereignisse verwebt, dass daraus eine Geschichte wurde - die Geschichte des Ghettos Theresienstadt, gespiegelt im Mikrokosmos Zimmer 28.

Dass dies überhaupt möglich war, ist einem wertvollen Dokument zu danken: dem Tagebuch von Helga Pollak. Ohne dieses, ergänzt durch das Kalendertagebuch ihres Vaters Otto Pollak, wäre diese literarische Nahaufnahme des KZs Theresienstadt unmöglich. Das Tagebuch der Wienerin Helga Pollak - sie hat Auschwitz überlebt - darf wohl im gleichen Atemzug genannt werden mit dem Tagebuch der Anne Frank.

Auch weitere Dokumente tragen zum Reichtum des Buches bei. In enger Zusammenarbeit mit den Überlebenden sind diese Dokumente und die Erinnerungen der Überlebenden über Jahre zusammengetragen worden. Es entstand ein Buch über eine solidarische Gegenwelt im NS-Endlösungsterror, die dem Geist der Betreuerinnen der Mädchen wie Ella Pollak oder Eva Weiss entspricht und sich im Sinnspruch der Mädchen dieser Jahre widerspiegelt: "Du glaubst mir, ich glaube Dir / Du weißt, was ich weiß / Was immer kommen mag / Du verrätst mich nicht / Ich verrate Dich nicht." Die Einzigartigkeit des Bandes liegt aber auch darin, den Zusammenhang von Kultur als Voraussetzung des Willens zum Überleben und inneren Widerstand gegen eine mörderische Umwelt am Beispiel der Kinderoper Brundibár des Prager Komponisten Hans Krasa vermittelt zu haben.

Am Ende der Oper wird der böse Leierkastenmann Brundibár von den Kindern besiegt. Eine Kinderoper mit versteckten Anspielungen auf Hitler in einem KZ zu
präsentieren war nicht ungefährlich, entsprach aber der Haltung, welche die Überlebende Ela Stein - selbst eine der Darstellerinnen - so zusammenfasst: "Wenn wir sangen, vergaßen wir den Hunger, wir vergaßen auch, wo wir waren. Auf der Bühne vergaßen wir alles um uns herum: Und wenn wir am Ende das Siegeslied anstimmten, stellten wir uns vor, wir hätten Hitler besiegt. Es war so viel Kraft in der Musik." - Ein liebevolles Gedenkbuch also? Ja. Aber doch sehr viel mehr. Und wer den Anhang liest, in dem die Autorin die Lebensgeschichten der 15 überlebenden Mädchen nachzeichnet, wird sich bewusst, dass es hier nicht nur um schmerzliche Erinnerungsarbeit geht, und feststellen, dass der Theresienstädter Geist im Leben dieser Frauen heute noch nachwirkt: als Solidarität und Widerstand gegen jeden totalitären Machtmissbrauch.

Hannelore Brenner-Wonschick
Die Mädchen von Zimmer 28
Freundschaft, Hoffnung und Überleben in Theresienstadt. 400 S., geb.,

€ 20,50 (Droemer Knaur Verlag, München)