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er glaubt, dass der emporgereckte Mit telfinger eine Erfindung der 68er-Ge neration wäre, ist auf dem Holzweg. Schon die Alten Griechen und Römer nutzten einen vorgestreckten Mittelfinger als drastische Beschimpfung, als obszöne Diffamierung. Ähnliches gilt für viele andere gestische Zeichen: So war etwa die sogenannte "Feige" (bei der der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger gesteckt wird) schon in der Antike ein beliebtes Zeichen zur Abwehr des Bösen - so wie es heute noch in Süditalien allgegenwärtig ist. Der Bedeutung all dieser Gesten - vorwiegend in der Neuzeit und der zeitgenössischen Kunst - geht derzeit die Ausstellung "Beredte Hände" in der Residenzgalerie Salzburg nach. Kernstück sind Barock-Gemälde aus den Beständen, bei denen die Handhaltung der Abgebildeten eingehend analysiert werden. Damals war diese Zeichensprache allen Gebildeten geläufig, heute stehen wir staunend vor dieser Dimension des Ausdrucks. Spannend!
Eine völlig andere Art von überkommener Symbolik - die mindestens genauso verblüffend ist - wird derzeit im Stift Zwettl gezeigt. In der heurigen Sonderausstellung "Traum der Weisen - eine Spurensuche" werden unter anderem in alten Handschriften versteckte Bildchen präsentiert. Etwa Drachendarstellungen, die - noch vor dem Beschreiben - mit einem Griffel in das Pergament gepresst wurden. Besonders faszinierend: Vergrößerungen von Infrarot- und Ultraviolett-Fotos der Handschriften. Zu bestaunen sind zudem fünf jener zehn kürzlich aufgefundenen Pergament-Schnitzel, die angeblich die ältesten erhaltenen Fragmente des Nibelungenliedes sind.
Eine Handreichung zum Verständnis der Symbolwelt des wichtigsten Buches der europäischen Kulturgeschichte ist der neue "dtv-Atlas: Bibel". In der bewährten Art dieser Serie - links grafische Darstellungen, rechts erklärende Texte - gibt die deutsche Theologin Annemarie Ohler einen fundierten Überblick über Inhalt und historische Hintergründe des testamentarischen Geschehens.