Sparen: Eine verunsicherte Generation spart

Ältere Menschen wie junge genießen das Leben und sparen wenig bis gar nicht,dazwischen eingezwängt steht eine ganze Generation, die um ihre Pension bangt.

Das Sparverhalten einer Gesellschaft ist stets auch Spiegelbild ihrer Erfahrungen, ihrer Zu versicht, aber auch ihrer Sorgen. In Zeiten der Unsicherheit wird viel gespart, um in der kommenden Krise genug zu haben. Nach einer Krise wird ebenfalls viel gespart, denn die Krise könnte ja wiederkommen. Außerdem ist die Erinnerung an den schmerzhaften Mangel noch frisch. Mit der Zeit verblasst das Bild hingegen. Droht keine neue Gefahr, so geht auch die Notwendigkeit des Sparens zurück. Für die jungen Menschen erscheint es beispielsweise verrückt, dafür zu sparen, dass es "die Kinder und Enkelkinder einmal besser haben als ich", oder dafür, dass "wir uns einmal ein schönes Leben leisten können". Ökonomische Studien bestätigen dies. Sie kommen zu dem Schluss, dass der unmittelbare Konsum des Einkommens wesentlich mehr Zufriedenheit auslöst als das Aufsparen für einen späteren Zeitpunkt.

Umso erstaunlicher ist es, dass nach einem kurzen Einbruch vor einigen Jahren die Sparfreudigkeit der Österreicher wieder steigt. Das, obwohl das Land weder äußere Bedrohungen noch wirtschaftliche Not kennt. In den kommenden Jahren wird die Sparquote, also jener Teil des Netto-Einkommens, den die Österreicher zur Seite legen, von gut sieben Prozent im Jahr 2002 auf 8,5 Prozent im Jahr 2005 ansteigen. Das erwartet zumindest das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

Gefragt nach den Gründen, warum sie sparen, nannte bei einer Umfrage im Herbst 2003 knapp die Hälfte der Österreicher "für den Notfall". Auf den Plätzen zwei und drei folgen "für die Kinder/Enkel" sowie zur Altersvorsorge. Sparen für den Konsum, also für ein neues Auto, eine Wohnung, einen Urlaub, kommt nur wenigen Österreichern in den Sinn. Wozu auch? Der Wohlstand ist groß, die Leasing-Rate fürs Auto merkt man kaum, die Reise zahlt das Urlaubsgeld. Und dennoch hat der "Notgroschen" der Österreicher zum Jahreswechsel wahrscheinlich erstmals die Grenze von 300 Milliarden Euro übersprungen. Der Großteil davon liegt auf Sparbüchern und Bausparverträgen, nur gut ein Fünftel der Gelder werden dem Kapitalmarkt anvertraut.

Es herrscht Unsicherheit vor einer diffusen, nicht greifbaren Gefahr: Einem Demografie-Cocktail, der sich in weniger Pensionen, weniger Solidarität zwischen Jung und Alt und mehr Egoismus auswirkt, sagen Trendforscher.

In Studien gehen sowohl die Wirtschaftsforscher als auch das Finanzministerium von einem deutlich langsameren Wirtschaftswachstum durch die Überalterung der Bevölkerung aus. Im Jahr 2050 wird nach Berechnungen der Statistik Austria jeder dritte Österreicher über 65 Jahre alt sein, während die Zahl der Erwerbstätigen massiv zurückgeht. Das hat weit reichende Folgen für den Wohlstand und das Sparen. Wächst die Wirtschaft nur noch in geringem Maß, so wächst auch der Wohlstand (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen) nur noch langsam. Da aber die älteren Menschen künftig weniger sparen werden und es sich die erwerbstätige Generation nicht mehr leisten können wird, mehr zu sparen, geht die Sparrate insgesamt zurück. Allerdings könnte eine Entwicklung den Rückgang des Sparens bremsen oder vielleicht gar aufhalten: die Pensionsvorsorge.

Das staatliche Pensionssystem, und damit der Generationenvertrag, kommt durch die alternde Gesellschaft unter Druck. Da ein Umlagesystem mit weniger Zahlern nicht immer mehr Zahlungsempfänger finanzieren kann, muss jeder Einzelne vorsorgen. Nicht ohne Grund fördert der Staat nun den Aufbau von Pensionskapital in Form der im Vorjahr eingeführten Zukunftsvorsorge. Trendforscher sehen darin den Trend zur Entsolidarisierung der Gesellschaft und zu mehr Egoismus bestätigt. Nicht die Gesamtgesellschaft, sondern der Einzelne muss für sich selbst vorsorgen.

Aber auch in der kleinsten Einheit, der Familie, zerfällt die Solidarität der Generationen. "Leben statt Sparen" ist das neue Motto der so genannten "dynamischen Alten". Sie sitzen in der Pension nicht mehr zu Hause, sondern reisen viel und genießen den Lebensabend. Und wofür sollten sie auch ihren Kindern und Enkelkindern viel vererben? Die Erben-Generation von heute ist über 60, oder zumindest über 50 Jahre alt, und finanziell längst abgesichert. Den Enkelkindern geht es ebenfalls gut. Eine Aufopferung für die nachfolgende Generation, wie es große Teile der Wirtschaftswunder-Nachkriegsgeneration getan haben, ist heute nicht mehr nötig. Wer jetzt in Pension geht, denkt mehr an sich selbst.

Und für den Notfall vorsorgen muss die ältere Generation auch nicht mehr. "Ein älterer Mensch hat das Risiko eines Arbeitsplatzverlustes nicht mehr", sagt Wirtschaftsforscher Michael Wüger. Je unsicherer der Arbeitsplatz sei, desto mehr werde gespart. Früher sei das anders gewesen, so Wüger, da hätten auch ältere Menschen viel gespart.

Am meisten gespart wird nun von Personen in den mittleren Jahren. Diese Generation ist massiv verunsichert. Sie finanzieren ein staatliches Pensionsystem, ohne zu wissen, ob die Umlagepension in Zukunft auch zum Leben reicht. Die Höhe der staatlichen Pensionen der 30- bis Mitte-40-Jährigen ist völlig ungewiss. Daher ist die größte Sorge der Österreicher die Sicherheit der Pensionen. Dies ergab eine Umfrage aus dem Herbst 2003.

Einen Totalkollaps des staatlichen Pensionssystems schließen zwar alle Experten aus, aber manche Berechnungen gehen bei einem Durchschnittsverdiener immerhin von einer Halbierung der staatlichen Pension aus. Daher sorgen immer mehr selbst für die Pension vor.

Sparbuch und Bausparvertrag sind bei dem niedrigen Zinsniveau kaum zum Aufbau von Kapital fürs Alter geeignet. Sie werden eher als Notgroschen oder zum Ansparen für einen größeren Kauf, etwa eines Autos oder einer Wohnung, genutzt. Die Vorsorge über den Kapitalmarkt, vor allem über Fonds und Versicherungsprodukte, bietet einfach höhere Renditen.

Allerdings, so warnen Experten, sind die historischen Wachstumsraten der Kapitalmärkte nicht eins zu eins in die Zukunft übertragbar. Alternde Gesellschaften wie Europa, Japan und weniger stark auch die USA werden in Zukunft weniger stark wachsen. Große Produktivitätsfortschritte werden zugleich immer schwerer zu erzielen sein. Beides zusammen wird auch das Kurswachstum begrenzen, da die Unternehmensgewinne nicht mehr so stark steigen werden. Sein Geld sollte man daher auch in Börsen von Regionen mit starkem Wirtschaftswachstum wie Asien Lateinamerika und Osteuropa investieren.

Ein weiteres Problem der Kapitalmarkt-Vorsorge ist die Frage, wer Aktien kauft, wenn die Baby-Boomer-Generation in Pension geht und ab dem Jahr 2010 verstärkt selbst ihre Kapitalanlagen zu Geld macht. David Blake, Professor am Pensions Institute des renommierten Londoner Birbeck College, hat dafür nur eine Lösung: Die Pensionsfonds der Dritten Welt müssten bis dahin so stark sein, dass sie die angebotenen Wertpapiere in der alternden Ersten Welt kaufen. Ansonsten würde es zu Wertverlusten und damit zu geringeren Renditen der Kapitalmarkt-Vorsorge kommen. Aber auch geringere Renditen werden niemand davon abhalten vorzusorgen.

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