Lieben: Die Frau wird zum Jäger

"Kampf muss nicht Krieg sein": Über Arrangements in der Arena der Geschlechter.

Partys oder Kinder." Auf diese Formel wurde in Österreich die Debatte über ein gesellschaftli ches Phänomen verknappt, die vor allem eines zum Inhalt hat: die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen neuen Formen des (Zusammen-)Lebens und dem klassischen Beziehungsmodell Ehe - samt Kindern und allem, was so dazu gehört. Von Patchwork-Familien ist da viel die Rede und von Lebensabschnittspartnern, serieller Monogamie, neuen Vätern und Power-Frauen.

Die Protagonisten vor diesen Schlagwort-Kulissen sind Frauen, die mit guter Ausbildung ausgestattet im Beruf den Männern nirgends mehr kampflos den Vortritt lassen wollen - und gleichzeitig im Privatleben zwischen den verschiedensten Optionen wählen können, ohne gesellschaftliche Ächtung fürchten zu müssen. Vor allem die Entscheidung, ob Kinder und wenn wann, findet nur mehr biologische Grenzen.

Neben diesen erstarkten Frauen wirken die Männer in der öffentlichen Darstellung fast bedauernswert. Verunsichert durch immer neue Forderungen, die an den "neuen Mann" gestellt werden, suchen sie nach Identifikationsfiguren, Vorbildern - scheitern aber meist schon bei der Kontaktaufnahme an der richtigen Mischung zwischen Softie und Macho.

Schwer wird's vor allem der "neue Mann" haben, sagt Paartherapeutin Rotraud Perner: "Ich erlebe schon jetzt die totale Überforderung der Männer - selbst wenn sie sehr bemüht sind. Sie brauchen andere reale und mediale Vorbilder." - "Die Frauen werden immer selbstständiger, die Männer immer verunsicherter", fasst der Wiener Soziologe Roland Girtler zusammen. "Ein völlig neues Arrangement ist im Entstehen. Männer und Frauen wissen nicht, was sie tun sollen", meint sein Grazer Kollege Manfred Prisching.

Ausgelöst hat diese Konstellation vor allem der berufliche und bildungsmäßige Aufstieg der Frauen. Die "Multioptionsgesellschaft", die dadurch entstanden ist, eröffnet Wahlmöglichkeiten auf den verschiedensten Ebenen. Zum einen stehen alle Formen des Zusammenlebens parallel offen. Zwischen den Polen Ehe und Single-Dasein gibt es Beziehungen in allen Abstufungen - auch innerhalb eines Lebens. "Man hüpft von einem Beziehungstyp in den anderen", meint Prisching.

Dieses Hüpfen wird durch den Umstand erleichtert, dass plötzlich zu jeder Lebenszeit genügend freie Partner zur Verfügung stehen. "Früher waren es ab Mitte dreißig nur mehr ein paar miese Restexemplare, die noch nicht vergeben waren", erklärt Prisching. Doch heute sind auch fixe Beziehungen generell nicht unantastbar. Wer sich also trennt, muss nicht die Angst haben, allein zu bleiben. Das erhöht die ohnehin große Flexibilität noch zusätzlich.

Doch welchen Ausweg aus dieser "chaotischen Situation" (Girtler) gibt es? Keinen einzigen. Aber viele verschiedene. Girtler sieht die Zukunft in einem Modell, das sich an der Beziehung von Odysseus und Penelope orientiert. Mann und Frau gewähren einander und dadurch auch sich selbst mehr Freiheit. Eine dauerhafte Partnerschaft schaffe nämlich viel Freiheit, die sich, wer ständig auf der Suche ist, jedes Mal aufs Neue erkämpfen muss. "Die Frau wird auch zur Jägerin", sagt Girtler über seine Vision einer gleichberechtigten Partnerschaft.

Prisching dagegen sieht ein noch stärkeres Nebeneinander der Lebensmodelle kommen, die stark davon geprägt sind, wo die Priorität liegt: Karriere oder Kinder. "Denn in Wahrheit ist eine Familie mit zwei voll berufstätigen Personen eine stressige Angelegenheit." So werde es zunehmend Paare geben, die beide arbeiten gehen, aber nicht Vollzeit. Diese hätten wahrscheinlich mehr Glück im Privatleben, müssten dafür aber auf große Karrieren verzichten. Daneben werde sich der Karrieretyp etablieren, der Privates zurückstelle: "Die Chefs sind dann die Asozialen."

An die Stelle der klassischen Familie könnte nach Meinung von Ulrich Körtner vom Institut für Systematische Theologie an der Uni Wien die "Familialität" treten: der Aufbau familienähnlicher Strukturen, in denen Kinder aufwachsen. Wo immer diese herkommen: von den leiblichen Eltern gezeugt, von einem Elternteil in die Verbindung mitgebracht, adoptiert oder mit Hilfe von Reproduktionstechniken entstanden. Körtner sieht allerdings die Gefahr, dass die Entwicklung der Identität immer härter wird. "Die Frage ,Wo komme ich her?' wird immer schwerer zu beantworten."

Für Therapeutin Perner ist die Mediation das Problemlösungsinstrument der Zukunft. Je früher dieses Training für die Beilegung von Konflikten beginnt, desto besser: "Mediation gehört bereits in die Erziehung und Ausbildung integriert", sagt Perner. Denn: "Den Kampf der Geschlechter wird es immer geben. Aber Kampf muss nicht Krieg sein."

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