Merk's Wien: Habsburg und Rauchverbot

Ein „Haus der österreichischen Geschichte“ wird derzeit „angedacht“, wie man auf Neudeutsch sagt. Geschichte, die natürlich (natürlich?) 1918 beginnt, wie es sich gehört. Aber es gibt ja Gott sei Dank Grillparzer, Dramatiker und Historiograph. In seinem, wie ich glaube, gescheitesten Schauspiel, dem „Bruderzwist in Habsburg“, legte er dem späteren Kaiser Matthias ein Wahrwort in den Mund: „Das ist der Fluch von unserm edlen Haus: Auf halben Wegen und zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.“

Wahrwort in der Tat, und nicht nur auf die Zeit Rudolfs II. gemünzt. Grillparzer, der Prophet: Was er vor anderthalb Jahrhunderten schrieb, gilt auch unvermindert am Beginn des dritten Jahrtausends. Halbe Wege, halbe Tat, halbe Mittel, und das alles zauderhaft – an Beispielen gibt es genug.

Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs durchsetzen? Wenn sich jemand nicht daran hält – kannst halt nix machen! Telefonieren am Volant des fahrenden Autos? Streng verboten, aber sehr viele tun es trotzdem, weil – halbe Tat – nicht kontrolliert und noch weniger bestraft wird. Verunreinigung durch Hunde? Nicht erlaubt, mit Buße bedroht. Wer dennoch noch nicht in ein Häufchen getreten ist, bitte melden!
Am aktuellsten ist das Rauchverbot. Verbot? Sogar in meinem Stammcaf© werden demnächst Nichtrauchertische gekennzeichnet, hat man mir versprochen. Die Maßnahme erfolgt natürlich freiwillig. Sogar die Gesundheitsministerin hat ja unlängst im Fernsehen erklärt, an ein Gesetz, wie es bereits erfolgreich für öffentliche Lokale in Italien, Frankreich, ja in halb Europa existiert, sei vorerst nicht gedacht. Man baut auf Freiwilligkeit – nicht der Raucher, sondern der Cafetiers und Gasthausbetreiber. Und man meint, dass laxe Überprüfungen zum Erfolg führen. Dass ich nicht lache!

Denn wir leben auf einer Insel der seligen Augenzwinkerer. Und bei uns wird nie so heiß gegessen, wie das Kochen erwarten lässt. Bestenfalls wird gedroht: Du, Du! Und jeder weiß, dass es nicht ernst gemeint ist.

Das Haus der österreichischen Geschichte hatte immer schon Hintertüren. Bisweilen schleicht sich durch eine leider auch die Vernunft davon.
Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


chorherr@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.