Paul McCartney in der Wiener Stadthalle: Ein Zeitzeuge der kollektiven Jugendzeit des Pop wurde gefeiert.
Kreischen und Toben, Haare Raufen und Ohnmacht, spontaner Flüssigkeits- und Kontrollverlust: Solche Reaktionen auf eine Live-Darbietung der Beatles galten vor zirka 40 Jahren als typisch. Die Zeiten sind kälter und kälter geworden, geblieben ist die dumpfeste Antwort, die ein bequem sitzendes Publikum auf Musik geben kann: das rhythmische Klatschen, im bayrisch-österreichischen Sprachraum auch Paschen genannt.
Als dieses in der Wiener Stadthalle ertönte - absurderweise zu "We Can Work It Out", wo es spätestens beim Taktwechsel peinlich zerbröseln muss - blitzte in Sir Paul endlich die freundliche Ironie auf, mit der sich einst die Beatles vom Rest der Welt abgrenzten: "Drei Viertel!", tadelte er, "Walzer! Das sollte hier doch bekannt sein!"
Sonst war er gütig, der gute Mann der Beatles, auch in der Stimme, die noch kaum schrill wird, die selbst im Überschwang verbindlich bleibt: McCartney, der Meister der temperierten Gefühle. Nur ein Begütiger, Beschwichtiger? Das wäre ungerecht: Auch mit 60 hat er noch genug Inbrunst im Leib, um "Can't Buy Me Love", "All My Loving" und - way beyond compare in seiner Raserei! - "I Saw Her Standing There" so zu singen, dass man versteht, dass sie einst die Erste Welt erschütterten (und nicht nur zum Mitpaschen animierten).
Dagegen sind McCartneys spätere Beatles-Rocker harmlos: "Back In The USSR" klingt halt heute geschichtsträchtig, "Lady Madonna" ist und bleibt belanglos, "Getting Better" und "Birthday" sind nette Scherze. Man lächelte leicht, so wie bei der mehr süßen als süßlichen Ausreißer-Ballade "She's Leaving Home" mit der heute so blauäugig klingenden These, dass man justament Spaß nicht kaufen könne.
Was hätte John dazu gesagt...
Berührend: das im pastellfarbenen Bereich zwischen Verzückung und Gelassenheit schwingende "Here, There And Everywhere", das abstrus-abgründige "You Never Give Me Your Money". Und natürlich die (auch auf Videoschirme) projizierten Bilder der Fab Four, wie sie albern und posieren, laufen und stürzen. Dass zwei davon nicht mehr sind! McCartney ehrte Harrison durch "Something" zur Ukulele; Lennon widmete er die elende Männerfreundschafts-Schnulze "Here Today", die dieser belustigt oder empört zurückgewiesen hätte.
Und Ringo? Der lebt doch noch! An diesem Abend wünschte man sich ihn öfters herbei: Denn in der sonst akzeptablen Band McCartneys drischt ein vierschrötiger Geselle namens Abe Laboriel jr. das Schlagzeug virtuos, aber ohne Gefühl für Atmosphäre und Zurückhaltung, dafür, dass Kraftmeierei zu McCartneys Songs passt wie die Faust aufs Auge. Das reizvolle "Maybe I'm Amazed" zerschlug er rücksichtslos.
Angebracht war dieser Stil am ehesten bei den Songs aus McCartneys bester "Wings"-Zeit, bei "Jet" also, bei "Live And Let Die" und, vor allem, bei "Let Me Roll It": Bis heute erstaunlich, wie roh, schwer und kraftvoll McCartney damals, 1974, den Blues interpretierte. Rollenuntypisch, aber gut.
Sonst dominierten die Beatles-Songs freilich quantitativ (24 von 36) und qualitativ. Vielleicht weil man den wilderen Geist des kongenialen Lennon auch in den "reinen" McCartney-Songs spürt (abgesehen von Extremfällen wie dem kompromisslos lauwarmen "Hey Jude"), vielleicht weil die Jahre zwischen 16 und 28 die besten Jahre zum Verfassen von nobelpreisträchtigen Arbeiten, Gedichten und Songs sind.
Das waren für Sir Paul McCartney und Freunde die Sechzigerjahre. Auch darum ist dieses Jahrzehnt bis heute so etwas wie die kollektive Jugendzeit des Pop. Ein sympathischer Zeitzeuge wurde in der Stadthalle mit aller gehörigen Nachsicht gefeiert. Denn: Liebe kann man nicht kaufen, Spaß vielleicht auch nicht, aber Eintrittskarten für ein McCartney-Konzert schon. Noch.