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Strikte Geschlechtertrennung

In Peschawar regieren die früheren Lehrer der Islamschüler.

Peschawar. In der Ankunftshalle des Flughafens von Peschawar nutzen die wenigen Frauen die Wartezeit bis zur Ankunft des Gepäcks zur Verkleidung. Sie ziehen die Dupatta, den länglichen Baumwollschal, eben noch locker über die Schultern geworfen, zur Verhüllung ihres Haupthaars über den Kopf.

Eine schlingt den Schal zudem um Hals und Mund und zieht den Kopfteil über die Stirn herunter - das modische Anhängsel war plötzlich ein Schleier. Eine andere Frau verschwindet in der Toilette. Fünf Minuten später kommt sie, falls es denn dieselbe ist, in eine Burqa gehüllt wieder heraus.

Das Flugzeug war nur aus der pakistanischen Hauptstadt Islamabad gekommen, doch in den hundertfünfzig Flugkilometern hatte es auch die Provinzgrenze überschritten. Und in der "North West Frontier Province", dessen Hauptstadt Peschawar ist, herrschen andere Gesetze.

Das Regionalparlament hat jüngst einstimmig beschlossen, dass fortan die "Scharia" - die im Koran und in der Sunna vorgeschriebenen islamischen Vorschriften - die Verfassung der Provinz sein soll. Die Anpassung der Gesetze an die Scharia steht noch bevor, doch die Regierung hat seit ihrem Amtsantritt vor über sechs Monaten bereits zahlreiche entsprechende Erlässe verabschiedet.

Zu ihnen gehören Kleidervorschriften. Diese betreffen nicht nur das Verhüllen für Frauen. Die Schuluniformen, im ganzen Subkontinent noch immer den englischen "Public Schools" nachempfunden, werden durch das traditionelle "Salwar Kameez" abgelöst.

Mädchen müssen die Uniform auch bei Sportanlässen tragen, und selbstverständlich dürfen sie nicht mehr von Männern trainiert werden. Überhaupt sollen Schulen - von der Volksschule bis zur Universität - in Zukunft strikte Geschlechtertrennung üben, einschließlich des Lehrpersonals.

Mädchen müssen zudem ab dem zwölften Lebensjahr ihr Gesicht verhüllen. Ähnlich soll in Spitälern vorgegangen werden. Und in der Verwaltung sollen Angestellte - durchwegs Männer - auf Hemd und Hose verzichten und ebenfalls nur noch mit den weiten Pluderhosen und dem langen Paschtunen-Hemd im Büro erscheinen. "Pardah", der Rückzug der Frauen hinter ihre Hausmauern, wird (noch) nicht vorgeschrieben.

Doch ein Gang durch den schönen alten Bazar von Peschawar zeigt, dass nur Männer Gemüse und Früchte für den Haushalt einkaufen. Einer begutachtet sogar Sandalen für Frauen. Der Verkäufer des benachbarten Bata-Ladens beklagt sich darüber, dass der ganze Bazar während der Gebetszeiten, dreimal pro Arbeitstag, geschlossen werden muss.

Frauengesichter sind auch auf den riesigen Werbeflächen für Pepsi oder Kosmetik nicht mehr zu sehen, da die Jugendorganisation der "Jamaat Islami" sie kürzlich mit schwarzer Farbe übermalt hat.

Der breite Kanal außerhalb der Stadt, der das Wasser des Kabul-Flusses in das Bewässerungsnetz einspeist und der in der brütenden Sommerhitze die einzige Kühlung verspricht, ist von kreischenden nackten Kindern und Männern in ihren triefenden Kleidern überfüllt. Eine Person weiblichen Geschlechts, und sei es ein Kind, sucht man vergebens. Was den Bart angeht, war Chefminister Durrani mit dem Beispiel vorangegangen: Er ließ sich einen wachsen. Durrani steht einer Koalition von sechs islamischen Parteien vor, die im letzten Oktober die Provinz-Wahlen gewonnen hatte. Die "Muttahida Majlis-e-Amal"(MMA), die gleichzeitig zur wichtigsten Oppositionspartei im Zentralparlament aufstieg, verdankte ihren Sieg zum einen der anti-amerikanischen Stimmung, welche kurz nach dem Krieg in Afghanistan herrschte.

Sie konnte aber auch von der Hilfe des Geheimdienstes profitieren, der im Auftrag von General Musharraf für eine Spaltung der großen Volksparteien PPP und Muslim-Liga (PML) sorgte. Doch Musharrafs Hoffnung, dass die MMA seine aus abgespaltenen PPP- und PML-Fraktionen zusammengestückelte Regierung in Islamabad unterstützen würde, ging nicht auf. Die MMA war zur Zusammenarbeit bereit, doch nur, wenn Islamabad die Scharia im ganzen Land einzuführen bereit ist.

So ist es denn nun der Präsident persönlich, der vor einer "Talibanisierung" Pakistans warnt. "Wir wollen das Weltbild der Taliban nicht. Sie waren engstirnige Menschen ohne Toleranz", sagte er Anfang Juni. "Es mag gut sein, einen Bart zu tragen. Aber niemand soll mir vorschreiben, einen zu tragen".

Der Vergleich mit den Taliban kam nicht von ungefähr. Zwei der sechs MMA-Parteien kontrollieren hunderte von Islamschulen (Madrassen), in denen die Taliban in den frühen Neunzigerjahren groß geworden sind. Und ihre Führer Fazlur Rahman und Samiul Haq haben sich bisher geweigert, ihre ehemaligen Schützlinge zu verurteilen. Doch wer erwartete, dass die MMA-Minister wie die wilden Gesellen von jenseits der Grenze kamen, irrt. Informationsminister Asif Iqbal trägt nicht einmal einen Bart, als er zum Interview ins Hotel kommt, und jener von Mohammed Idris, dem Minister für ländliche Entwicklung, ist so sorgfältig gestutzt wie der eines westlichen Opernsängers. Sie scheuen sich auch nicht, sich von ihren Gesinnungsgenossen zu distanzieren. "Die Taliban kamen mit der Kugel (bullet) an die Macht, wir durch die Urne (ballot). Und sie haben eine tribale Denkweise, deshalb waren sie gegen Mädchenerziehung. Der Islam räumt der Erziehung große Bedeutung ein. Wenn Sie's genau wissen wollen - viele unserer Abgeordneten sind Lehrer."

Iqbal selbst leitet eine Privatschule, für Knaben und Mädchen. "Ja, es ist eine getrennte Schule. Aber wir tun dies nicht, um die Mädchen von der Schule abzuhalten. Die Bevölkerung ist konservativ. Solange es keine Mädchenschulen gibt, behalten viele Eltern ihre Töchter zu Hause".

Nur einmal im Gespräch vergisst der Minister den guten Ton. Als in der Lobby Lautsprechermusik ertönt, befiehlt er laut und scharf, sie abzustellen. Musik gilt - ebenso wie Film und Zirkus - ebenfalls als un-islamisch.

Oppositionspolitiker Haji Adeel bestreitet, dass Mädchen nun bessere Erziehungschancen hätten. "Das ist Augenwischerei. In der ganzen Provinz gibt es über hunderte Knabenschulen - und gerade einige Mädchenschulen. Viele Eltern schicken ihre Töchter daher in Knabenklassen. Wenn die MMA dies nun stoppt, bedeutet dies, dass die Mädchen zu Hause bleiben müssen. Denn woher soll der Staat das Geld nehmen, um das ganze Schulsystem doppelt auszubauen? Schon das bestehende ist unterfinanziert."

Mohammed Idris, ein ehemaliger Gewerkschafter aus Karachi, sagt, der Islam sei eine Religion mit vielen sozialpolitischen Zielen. Doch wenn Religion und soziale Entwicklung in Konflikt kommen, zieht Letztere den Kürzeren. Die Tageszeitung "Dawn" berichtete am 10. Juni, dass die Regierung in Peschawar auf die Einrichtung eines Fonds verzichtet hat, mit dem die grassierende Malaria und andere Infektionskrankheiten bekämpft werden sollten. Der Grund: Die Ausgaben sollten aus Fondsgewinnen finanziert werden. Solche sind für Islamisten ein Abscheu, lehnen sie doch Zinsgewinne als anti-koranisch ab.

Das Scharia-Grundgesetz war im Provinzparlament auch von der Opposition und damit einstimmig angenommen worden. Sie tat dies, so Adeel, weil das Gesetz eine Kopie des landesweiten Scharia-Gesetzes ist, welche das Zentralparlament bereits im Jahr 1991 verabschiedet hatte. Doch die Änderungen der Provinzgesetze, schwor Adeel, werde die Opposition mit allen Mitteln bekämpfen. Dazu gehört namentlich ein Gesetzesentwurf, der ein "Departement zur Wahrung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters" vorsieht.

Diese "Hisba" soll außerhalb der Polizei und Justiz funktionieren und nur einem Islamischen Rat Rechenschaft schulden. "Das ist Talibanisierung in Reinkultur. Wir werden dies nie zulassen."

Die beiden MMA-Minister lächeln, wenn man sie auf die Kritik der Opposition anspricht. "Schauen Sie, Pakistan ist nicht Afghanistan", sagte Idris. "Wir schlagen keine Hände und Köpfe ab. Pakistan ist eine Demokratie. Wenn wir dem Volk nicht auch Wasser und Strom, Straßen und Schulen geben, wenn wir korrupt werden, wird es uns abwählen."

Als in der Hotel-Lobby plötzlich wieder Musik ertönt, brausen die Minister nicht auf und rufen nicht nach der Tugend-Polizei. Stattdessen sagt Asif Iqbal, ironisch lächelnd: "Sehen Sie, die Leute haben ihre eigene Meinung und tun, was sie wollen".

Mit der Burqa müssen sich Frauen in Peschawar verhüllen, denn dort gelten seit der Wahl vor sechs Monaten die islamischen Vorschriften des Koran. [Foto: epa]