New York im Ausnahmezustand: 15 Millionen Menschen ohne Strom, aber mit viel Zivilcourage. Terrorismus wird ausgeschlossen.
Washington / New York. Das Leben in New York kam am Donnerstag um 16.11 Uhr Ortszeit zum Stillstand. Mit einem Schlag fielen Ampeln aus, Aufzüge blieben stecken, die U-Bahn funktionierte nicht mehr, Züge rollten mitten auf der Strecke aus, das Handy-Netz brach zusammen, auf den Flughäfen ging nichts mehr.
Ausgesteckt Diashow: Mega-Blackout in New York Die pulsierende Millionenstadt New York fiel ebenso ins Chaos wie Detroit, Cleveland und die beiden kanadischen Städte Toronto und Ottawa. Im "Big Apple" mussten geschätzte 15 Millionen Menschen bei 35 Grad Hitze plötzlich ohne Klimaanlage auskommen - für Amerikaner etwas völlig Ungewohntes -, mussten Wasser wegwischen, das aus auftauenden Kühlschränken floss, und wussten stundenlang nicht, was los war. Denn auch TV-Geräte, Computer und Radio funktionierten nicht.
Ein Stromausfall von solch gigantischen Ausmaßen knapp vor dem zweiten Jahrestag des 11. September? Das konnte nur eines bedeuten. "Ein neuer Terroranschlag war mein erster Gedanke", sagte Jeffrey Snop in New York, der mit tausenden anderen in der Central Station festsaß. "Jeder ist völlig ausgeflippt", berichtete Mary Horan von der Reaktion ihrer Mitmenschen.
Die Behörden bemühten sich daher schnell, einen Terroranschlag als Ursache auszuschließen, um eine Massenpanik zu verhindern. Selbst US-Präsident George W. Bush bekräftigte in einer kurzen Ansprache: "Das ist kein terroristischer Akt."
Eine der wesentlichsten Fragen am Freitag war aber, wie so ein massiver Ausfall überhaupt möglich sein konnte. Präsident Bush bezeichnete den Vorfall als ein "massives, nationales Problem" und kündigte eine Untersuchung an. Ein Angriff auf die Infrastruktur der USA, der das ganze Land lahm legen könnte, ist nämlich eine der größten Ängste der USA. Wenn ein Blitzeinschlag, wie von den Behörden vermutet, eine solche Wirkung haben kann, dann steht es um die Sicherheit der Infrastruktur der Weltmacht nicht gut.
Was Strom für eine moderne Gesellschaft bedeutet, merkt man erst, wenn er nicht mehr da ist. 350.000 Menschen saßen mitten in der Rush Hour in New York in der U-Bahn fest. Auch drei Stunden nach dem Stromausfall waren noch nicht alle Metro-Züge evakuiert.
Auf den Straßen der US-Metropole drängten sich zehntausende Menschen, die zu Fuß nach Hause gingen oder frühzeitig ihre Büros verließen. Das Chaos auf den Straßen war einzigartig. Die Polizei versuchte, den Verkehr zu regeln, es fehlten aber schlicht die Beamten für die vielen Kreuzungen. "Das hier ist ein einziger, großer Parkplatz", meinte ein Polizeisprecher von New York über die Situation. Verschärfend wirkte sicher, dass viele genervte Menschen ihre Fahrzeuge einfach stehen ließen und zu Fuß weitergingen.
Nachdem aber klar war, dass es kein Terroranschlag war, nahmen die New Yorker die Ausnahmesituation in der für sie typischen Manier. Die Katastrophen-erprobten Einwohner schafften Sofas auf die Straße, zündeten Kerzen an und tranken Bier und Wein. Hunderte Pendler verbrachten die Nacht auf der Straße. Sie schliefen auf Parkbänken, in Einkaufszentren, auf Bahnhöfen, in Kirchen, die geöffnet wurden, oder auch einfach nur auf den Stufen von öffentlichen Gebäuden. Am Abend wurden für alle jene, die es nicht nach Hause schafften, Zelte aufgestellt und Notunterkünfte in Turnhallen und Schulen eingerichtet.
Die Katastrophen-erprobten Einwohner schafften Sofas auf die Straße, zündeten Kerzen an und tranken Bier und Wein.
Die Glücklicheren unter den Gestrandeten stürmten die Hotels, die binnen Stunden ausgebucht waren, jedoch auch mit voll besetzten Zimmern so viele Menschen aufnahmen, wie nur möglich.
Batteriebetriebene Radios waren während des New Yorker Blackouts ebenso Mangelware wie "Quarters", 25-Cent-Münzen: Man braucht diese Münzen für die öffentlichen Münzfernsprecher, vor denen sich lange Schlangen bildeten.
Auf den Flughäfen herrschten ähnliche Zustände. In New York stand der Betrieb in LaGuardia und JFK für Stunden still, New Jersey's Airport Newark musste ebenfalls geschlossen werden. Dutzende Flüge fielen aus oder mussten umgeleitet werden, erst am Abend konnte der Betrieb langsam wieder aufgenommen werden.
Ausgerechnet Manhattan, die Schaltzentrale New Yorks, musste am längsten ohne Strom auskommen. Der Times Square, der sonst von Dutzenden Leuchtreklamen erhellt wird, auf dem ein riesiger TV-Bildschirm permanent Nachrichten bringt und wo auf einer langen Leuchttafel die aktuellen Börsenkurse aus aller Welt angezeigt werden, blieb grau und unspektakulär. Erst um 7.44 Uhr hieß es für diesen Stadtteil: "Business is on."
Daher konnte auch die New Yorker Börse, die zum Zeitpunkt des Stromausfalls bereits geschlossen war, den Betrieb am Freitag ganz normal aufnehmen. Es seien keine Daten der Handelssitzung vom Donnerstag verloren gegangen, sagte ein Sprecher der Börse.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September sind die Behörden in der Stadt für solche Notsituationen geschult: Sofort nach Ausfall des Stroms wurde die Notzentrale besetzt, die alle Einsätze koordiniert. Obwohl der Gouverneur des Staates New York, George Pataki, aus Angst vor Plünderungen den Notstand verhängt hatte und die Polizei alle Beamten - insgesamt mehr als 10.000 - in den Dienst beordert hatte, kam es zu keinen größeren Zwischenfällen. Vielleicht auch deswegen, weil vor jeder Bank und jedem Bankomaten Polizisten postiert waren. Bei früheren Stromausfällen hatten Plünderer Millionenschäden angerichtet.
Bis Freitag Mittag Ortszeit gab es in vier von fünf New Yorker Stadtvierteln wieder Strom. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg rief die Menschen allerdings auf, vorerst auf die stromintensiven Klimaanlagen zu verzichten und den Tag wie einen "Schneetag" zu behandeln - also im Zweifelsfall zu Hause zu bleiben.
Daher konnte man New York an diesem Freitag Morgen so erleben, wie es sonst nie ist: ruhig, fast menschenleer. Autos durften nur mit Sondergenehmigungen verkehren, viele Büros blieben geschlossen, die U-Bahn stand in weiten Teilen der Stadt weiterhin still. Man brauche eine Vorlaufzeit von sechs Stunden, um sämtliche Weichen, Ampeln und Schaltungen zu überprüfen, bevor man den Betrieb wieder voll aufnehmen könne, sagte eine Sprecherin.
Das große Spiel am Tag danach war die Frage: "Wo warst Du, als der Strom ausfiel?" Senatorin Hillary Rodham Clinton traf sich gerade mit ihren Mitarbeiterinnen, als die Computer schwarz wurden und die Klimaanlage verstummte. Bürgermeister Michael Bloomberg war in Brooklyn auf Besuch, als ihm jemand sagte: "Die Lichter sind ausgegangen."
Möglicherweise werden auch viele Kinder ihre Eltern einmal fragen, was sie taten, als es dunkel wurde in New York. Denn eine der Folgen des bisher größten Stromausfalls in der Geschichte am 9. November 1965 kam eher unerwartet: ein riesiger Baby-Boom neun Monate später.