"Bekehrter" Bush hofiert die Rechten

Für den immer stärker werdenden Einfluss religiöser Gruppen auf die Politik der US-Regierung gibt es verschiedene Erklärungen. Die Religiosität des Präsidenten ist nur eine davon.

Washington. John Ashcroft ist ein ernster Mann. Der Justizminister der USA raucht nicht, er trinkt nicht und er tanzt nicht. Grund für die enthaltsame Lebensweise sind nicht etwa Gesundheitsprobleme oder mangelnde Tanzkenntnisse - nein, Ashcroft darf nicht rauchen, trinken oder tanzen: Das verbietet ihm sein Glaube.

John Ascroft ist Mitglied der "Assembly of God", einer Vereinigung Strenggläubiger. Viele sehen darin den Grund für die strikte "Law-and-order"-Politik des Ministers, die ihm immer wieder den Vorwurf einträgt, die Grundrechte zu untergraben.

Manche sehen im tiefgläubigen, erzkonservativen Ashcroft auch den Dank von George W. Bush an die religiösen Rechte für die Unterstützung im Wahlkampf. Allerdings sieht man an der Politik von George W. Bush, dass er die Interessen der religiösen Rechten ohnehin selbst am besten vertritt.

Seit "der zu Gott Bekehrte", wie sich Bush im Wahlkampf 2000 immer wieder bezeichnete, im Weißen Haus regiert, wittern ultrakonservative Religionsvertreter wieder Morgenluft. In einem allgemein sehr religiösen Land wie den USA haben Religion, Glaube und Werte einen wesentlichen Einfluss auf die Politik und auf politische Inhalte. Wie weit der Glaube und sein Einfluss geht, hängt allerdings allein von der politischen Führung ab.

John F. Kennedy hatte sich 1960 bei seiner Kandidatur noch distanziert: "Ich bin nicht der katholische Kandidat. Ich bin der Kandidat der Demokraten", sagte er vor einer Gruppe von protestantischen Priestern. 40 Jahre später lassen sich Kandidaten bereitwilliger einordnen, je nachdem, wo die größte Unterstützung ausgemacht wird. Und George W. Bush lässt sich gern als konservativer, tief religiöser Rechter einordnen.

Vertreter der religiösen Rechten sind gegen eine Trennung von Kirche und Staat und für eine wörtliche Auslegung der Bibel. Wie stark sind nun die Anhänger der religiösen Rechten in der derzeitigen US-Regierung vertreten? Bei der "Vereinigung zur Trennung von Kirche und Staat" kann man außer Ashcroft keine konkreten Namen nennen, meint aber trotzdem: "Unsere Regierung ist von den religiösen Rechten zersetzt."

Im Repräsentantenhaus jedenfalls sitzen 40 Mitglieder der "Christian Coalition", einer kurz vor Beginn der Präsidentschaft George Bushs sen. gegründeten Gruppe. Auch maßgebliche Senatoren bekennen sich zu dieser Gruppe, etwa Trent Lott und Mitch McConnel.

Die Bereitschaft, religiösen Gruppen entgegenzukommen, geht jedenfalls weit: Der republikanisch dominierte Kongress wollte ein Gesetz verabschieden, das es Kirchen erlaubt hätte, die Kollekte für politische Parteien zu spenden. Etliche Religionsgemeinschaften brachten allerdings diese Initiative zum Scheitern, weil sie einen massiven Einfluss der Politik auf die Kirche und umgekehrt fürchteten.

"Unsere Politik wird von religiösen Motiven bestimmt", meint Robert Boston etwas pointiert im Gespräch mit der "Presse". Boston ist stellvertretender Direktor der Vereinigung "Americans United for the Seperation of Church and Politics". Er bezieht sich mit seiner Aussage unter anderem auf Bushs "Faith-based-Initiative", mit der staatliche Zuschüsse für soziale Aufgaben in erster Linie an religiöse Gruppen gegeben wurden. Vor allem Glaubensgemeinschaften sollten die Betreuung von Obdachlosen, alten Menschen oder sozial Bedürftigen übernehmen. Eine Ausweitung der Initiative mit höheren Zuschüssen und Steuererleichterungen scheiterte jedoch am Kongress.

Nicht gescheitert ist dagegen die massive Kürzung der Finanzmittel für Aufklärungsprogramme. In der staatlichen Entwicklungshilfe gibt es jetzt kaum noch finanzielle Mittel für Aufklärung über Verhütungsmethoden. Mit dem Geld würden Abtreibungen finanziert, lautete die Begründung. Das genügte zur Streichung der Mittel. Staatliche Unterstützung für Aufklärung an öffentlichen Schulen bekommen nur noch religiöse Gruppen. "Dass Kondome auch zum Schutz vor Krankheiten dienen, ist diesen Gruppen natürlich nicht beizubringen", erregt sich Boston. So bleibe Aids eine permanente Gefahr für die amerikanische Jugend.

Dass George W. Bushs Regierung die religiösen Rechten so hofiert, hat nicht nur mit der tiefreligiösen Einstellung des derzeitigen amerikanischen Präsidenten zu tun, der immer stärker die Haltung eines Predigers einnimmt, wie Melissa Rogers in einem Bericht für das "Pew Forum on Religion and Public Life" schreibt. Und: "Bush beherrscht die Sprache der Religion wie kaum ein anderer Präsident." Er schmückt auch seine politischen Reden sehr gerne mit Bibelzitaten und Vergleichen aus der Heiligen Schrift.

Es sind aber vor allem auch nüchterne Überlegungen, die den Glauben stärken. Die Lobbying-Gruppen der religiösen Rechten verteilten im Wahljahr 2000 beispielsweise 70 Millionen sogenannter Wähler-Ratgeber, vornehmlich in Kirchen. Darin wurde dem Besucher der Sonntagsmesse mitgeteilt, welcher politische Kandidat für welche moralischen und ethischen Werte steht.

Direkte Empfehlungen gab es allerdings nicht, weil den Kirchen eine solche Einmischung in die Politik sogar in den USA verboten ist. Die Präferenz für die Republikaner war aber deutlich herauszulesen. Außerdem verstehen sich die religiösen Gruppen hervorragend auf die Motivierung der amerikanischen Wähler.

US-Präsident Bush bemüht sich daher sehr, die religiösen Rechten nicht zu verärgern. Im Februar dieses Jahres reiste er eigens zum Kongress der Nationalen Religions-Fernsehsender nach Nashville und verkündete: "Ich sehe den Glauben als wichtigen Problemlöser für die Schwierigkeiten unserer Nation."

Die Erfolge der religiösen Rechten machen diesen aber zugleich schwer zu schaffen. Denn die Spenden gingen in den vergangenen Jahren stetig und stark zurück. Mit George W. Bush sitze ja ohnehin ein großer Unterstützer religiöser Gruppen im Weißen Haus, so die Meinung vieler potenzieller Geldgeber.

"Es war leichter", erklärte jüngst Politik-Professor Jim Guth, als der Demokrat Bill Clinton noch US-Präsident war: "Er war das ideale Feindbild der tiefreligiösen Menschen, gegen das man sich vereinen konnte. Aber George W. Bush können sie nicht anfeinden."

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.