Eine Nacht, die Kalifornien veränderte: "Ab jetzt heißt der Staat Kahleefohrniah", spöttelte Fernsehmoderator Jay Leno über den Sieg von Arnold Schwarzenegger und seine einmalige Art, den Namen des Bundesstaates auszusprechen.
Los Angeles. In dem Saal wurde Geschichte geschrieben. Richard Nixon trat hier regelmäßig auf; Ronald Reagan erfuhr 1980 in diesem Raum, dass er zum 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, und in der Nacht auf Mittwoch feierte ein Österreicher im "Los Angeles Ballroom" des Century Plaza Hotels in Los Angeles seine Wahl zum Gouverneur von Kalifornien. Vom Gendarmen-Sohn in Graz über den Bodybuilding-Weltmeister und "Terminator" zum Regierungschef des größten Bundesstaates der USA: Arnold Schwarzenegger hat wahrlich eine einzigartige Karriere gemacht.
Das Land, das an diesem Tag nicht mit einem Kamerateam im Ballsaal vertreten ist, dürfte keine Fernsehanstalt haben. Ein japanisches Fernsehteam streitet mit einem deutschen über die bessere Position; Journalisten aus Vietnam berichten ebenso atemlos in die Heimat wie eine TV-Moderatorin aus Brasilien; CNN, Fox, ABC, CBS, NBC raufen sich um Gesprächspartner, um die Sendezeit bis zur Bekanntgabe der ersten Ergebnisse zu füllen. Die Recall-Wahl in Kalifornien ist zweifellos das Medienereignis des Jahres - nicht einmal geschlagen von der Attacke eines Tigers auf den Magier Roy Horn in Las Vegas.
Gut die Hälfte der etwa 1500 Personen, die sich im Ballsaal drängen, sind Journalisten. Die anderen sind handverlesene Gäste, die entweder im Wahlkampf mitgearbeitet oder sich durch Geldspenden verdient gemacht haben. Zu diesem Zeitpunkt ist schon längst klar, dass es der Aufforderung "Join Arnold" nicht mehr bedarf. Die Exit-Polls, die von den Fernsehanstalten durchgeführt werden und am Nachmittag langsam durchsickern, weisen auf einen klaren Sieg des gebürtigen Österreichers hin. Die Wahlbeteiligung hatte einen Rekordwert erreicht: Rund zehn Millionen Kalifornier hatten ihre Stimme abgegeben, das entspricht mehr als 60 Prozent aller Wahlberechtigten.
Im "Schatzi", dem von Schwarzenegger gegründeten Lokal in Venice bei Los Angeles, hat man vorsorglich Dutzende Flaschen Champagner und noch mehr Flaschen steirischen "Gösser"-Biers eingekühlt; und die letzten Hinweise, dass der demokratische Gouverneur Gray Davis ab- und der Republikaner Arnold Schwarzenegger gewählt wird, liefern die Souvenirhändler: Schon um 16 Uhr verkaufen sie rund um das Hotel Century Plaza Sticker und T-Shirts mit der Aufschrift "Victory Governator Arnold Schwarzenegger".
Erst vier Stunden später, nachdem das letzte Wahllokal um 20 Uhr geschlossen hat, ist der historische Moment Gewissheit: Zum zweiten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten wird ein Regierungschef mitten in der Legislaturperiode vom Volk abgewählt. 54 Prozent der Wähler waren derart unzufrieden mit Gray Davis, dass sie von dem einmaligen Instrument des "Recall" Gebrauch machten. Viel wichtiger freilich, zumindest diesseits des Atlantiks: Ein Austro-Amerikaner tritt an seine Stelle.
Kurz vor 22 Uhr gesteht Davis offiziell seine Niederlage ein: "Heute haben die Bürger entschieden, dass ihnen jemand anders dienen soll, und ich akzeptiere ihre Entscheidung". Er habe Schwarzenegger bereits angerufen und ihm gratuliert.
Ganz fassen können es die Österreicher, die mit ihrem Landsmann mitgefiebert haben, noch nicht. "Das isch schon gewaltig", sagt Klaus Heidegger, früher Slalom-Star, jetzt Geschäftsinhaber in Kalifornien. "Wir können stolz auf Arnie sein, dass er das geschafft hat." Peter Launsky-Tieffenthal, Generalkonsul in Los Angeles, freut sich vor allem über den Werbewert für sein Heimatland: "Das wird zweifellos Auswirkungen auf die Wirtschaftsbeziehungen haben." Microsoft und Starbucks würden bereits über einen Ausbau ihrer Wien-Niederlassungen reden. Und erst der Tourismus: 600.000 Kalifornier besuchten vergangenes Jahr Österreich. Künftig werden wohl mehr wissen wollen, woher ihr Regierungschef kommt.
Was sich gehört, weiß Pete Wilson, letzter republikanischer Regierungschef von Kalifornien, der 1998 von Gray Davis abgelöst wurde. "Danke, dass ihr uns einen neuen Gouverneur gegeben habt", meint er scherzhaft im Gespräch mit Österreichern. Was sich gehört, weiß auch Arnold Schwarzenegger, als er um 22.30 Uhr die Bühne betritt, im Schlepptau den halben Kennedy-Clan. Er bedankt sich bei seiner Ehefrau Maria Shriver, der er zweifellos einen großen Teil der fast drei Millionen Stimmen zu verdanken hat. Sie hat ihn gegen die Vorwürfe der sexuellen Belästigung in Schutz genommen und ist "trotz der Fehler, die er sicher hat", so Shriver, immer bedingungslos zu ihm gestanden.
Schwarzenegger bedankt sich auch bei seinen Schwiegereltern - was zu der etwas skurrilen Situation führt, dass zwei prononcierte Demokraten von ein paar hundert Republikaner frenetisch gefeiert werden - Schwarzeneggers Schwiegermutter Eunice Kennedy Shriver ist die Schwester des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Auf der anderen Seite hat es der Kennedy-Clan nun ausgerechnet einem Republikaner zu verdanken, dass er jetzt wieder einen Regierungschef stellt und so seinen politischen Einfluss verstärken kann.
Angesagt wird der neue Gouverneur von seinem Freund, dem Talkshow-Moderator Jay Leno. "Alle haben gesagt: Was - ein Schauspieler soll Gouverneur sein, ein Schauspieler soll den Staat sanieren? Das hat Arnold natürlich irritiert: Zum ersten Mal haben ihn seine Kritiker einen Schauspieler genannt." Und noch einen freundschaftlichen Seitenhieb auf den Akzent Schwarzeneggers und seine einmalige Art, den Namen des Bundesstaates auszusprechen: "Wir haben uns alle geirrt. Ab jetzt heißt der Staat Kahleefohrniah."
Der gebürtige Steirer gibt sich in der Stunde des Triumphs demütig: Er wolle ein Gouverneur des Volkes sein; die traditionelle Politik sei zu Ende; er werde die Menschen in Kalifornien nicht enttäuschen und sie nicht im Stich lassen. Man müsse das Gemeinsame über das Trennende stellen; er wolle mit allen zusammenarbeiten, egal, ob sie politisch links oder rechts stünden.
Die gute Zusammenarbeit wird Schwarzenegger am Beginn seiner Regierungszeit auch dringend benötigen: Sein Gegenkandidat, Vizegouverneur Cruz Bustamante, den er um fast 20 Prozent abgehängt hat, bleibt nämlich im Amt, die Abwahl betrifft nur Davis. Ebenso bleiben Finanz- und Innenminister. Ob sie freiwillig zurücktreten, wird sich erst zeigen. Dazu kommt, dass beide Häuser des Parlaments von einer demokratischen Mehrheit bestimmt werden. Keine leichte Aufgabe also, die auf Schwarzenegger wartet. Ganz abgesehen davon, dass er nach seiner Vereidigung als Gouverneur vermutlich erst Mitte November sehr viele gute Leute brauchen wird: Er kann in der Regierung zwischen 1500 und 3000 Spitzenpositionen neu besetzen.
In dieser Stunde sind die Probleme von morgen aber kein Thema. Man feiert, dass Kalifornien wieder nach rechts gerückt ist, auch wenn von Ausgelassenheit keine Spur ist - möglicherweise auch wegen der horrenden Bier-Preise. Als einzigen Exzess erlauben sich die Fans, die Hunderten weißen, roten und blauen Luftballons, die zum Ende von Arnies Rede auf das Publikum herabfallen, zum Platzen zu bringen. Um Mitternacht ist der Ballsaal leer, nur die Crew von CNN überträgt weiterhin live für die europäischen Zuseher. "Die Demokraten mögen schlecht regieren", meint ein Journalist über das frühe Ende der Wahlparty. "Feiern können sie aber auf jeden Fall besser."