Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen sollen das Terror-Risiko zu Weihnachten vermindern, nachdem die zweithöchste Alarmstufe ausgerufen wurde.
washington. Tausende Menschen drängen sich im gigantischen Einkaufszentrum Tysons Corner nahe Washington, vergleichbar mit der Shopping City Süd in Wien. 10.000 zusätzliche Garagenplätze hat die Verwaltung für die letzten Tage vor Weihnachten in der Umgebung angemietet, um den Ansturm halbwegs bewältigen zu können. Dennoch bricht der Verkehr zusammen.
Seit die US-Regierung die Terrorwarnstufe auf den zweithöchsten Wert Orange ("hohes Risiko") gesetzt hat, kommen zu den hektischen Kunden noch Dutzende Polizeibeamte, die an Eingängen stehen und durch die überfüllten Hallen patrouillieren. Denn Tysons Corner gilt wie Dutzende andere Einkaufszentren im ganzen Land auch als potenzielles Anschlagsziel: Ein Selbstmordattentäter könnte hier hunderte Menschen mit in den Tod reißen.
"Die Hinweise der Geheimdienste auf neue Attacken sind so groß wie seit dem 11. September 2001 nicht mehr", erklärte Tom Ridge, Minister für Heimatschutz, in einer Pressekonferenz. CIA und FBI hätten Indizien dafür, dass al-Qaida-Mitglieder erneut mit Flugzeugen Ziele in den USA angreifen wollen. Als besonders gefährdet gelten die Städte New York, Washington und Los Angeles.
Diese Angriffe könnten verheerender sein als jene auf das World Trade Center und das Pentagon vor zwei Jahren. Die Erhöhung der Warnstufe, die in der fünfteiligen Skala üblicherweise auf Stufe drei (gelb, erhöhtes Risiko) ist, hat neben zehntausenden zusätzlichen Polizisten im ganzen Land auch große Teile der Nationalgarde aktiviert: Bei "Orange" müssen nicht nur Einkaufszentren bewacht werden, sondern unter anderem auch sämtliche Regierungsgebäude, Atomkraftwerke, Staudämme, Bahnhöfe, ausgesuchte Brücken und Tunnel, Museen und Touristenattraktionen.
Dazu kommen die Verschärfungen an den Flughäfen: Parkgaragen nahe der Terminals sind gesperrt, die ohnehin schon rigorosen Kontrollen werden noch strenger. Gerade in diesen Tagen, in denen die Amerikaner zu ihren weihnachtlichen Familientreffen kreuz und quer über den Kontinent fliegen, bedeutet das teils chaotische Zustände. Am Dulles-Flughafen in Washington raten Fluglinien ihren Passagieren, aufgrund der verschärften Sicherheitsvorkehrungen mindestens drei, besser vier Stunden vor dem Abflug am Check-in zu sein.
Die Bevölkerung reagiert gelassen. Wirkliche Sorgen macht sich kaum jemand. Mit ein Grund für diese fatalistische Einstellung dürften die wiederholten Alarme seit Beginn des Jahres sein. Zu Zeiten des Irak-Kriegs und nach Anschlägen in Saudi-Arabien rief die Regierung dreimal die "Orange"-Stufe aus und warnte vor der "hohen Gefahr". Zuletzt war zum Memorial Day im Mai vor Anschlägen gewarnt worden, zehn Tage später stufte man die Gefahr aber wieder als "Gelb" ein. Die Verantwortlichen wissen, dass die permanenten Warnungen die Menschen abstumpfen. Deshalb ging der aktuellen Warnung auch eine lange, interne Diskussion zwischen Ridge, Justizminister John Ashcroft und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld voraus. Der US-Präsident stimmte schließlich am Sonntagvormittag zu. Die Hinweise kämen diesmal von "sehr verlässlichen Quellen". Auch sei in abgehörten Telefongesprächen und abgefangenen E-Mails der Terroristen von gleichzeitig ausgeführten Anschlägen die Rede, berichtete Minister Ridge. Er rief die Bürger auf, ihren Weihnachtsgeschäften wie gewohnt nachzugehen. Das taten sie: Montag warnten Radiosender wieder vor dem Verkehrschaos bei Tysons Corner.