Die serbische Regierung beschuldigt nun Vojislav Seseljs "Radikale Partei" und die "Einheitspartei", hinter dem Mord an Premier Djindjic zu stehen.
BELGRAD. Nun kommt immer deutlicher ans Tageslicht, auf welcher Zeitbombe die serbische Gesellschaft sitzt. Der agile Reformpolitiker Zoran Djindjic hatte gerade begonnen, sie zu entschärfen, da war er ermordet worden.
In Serbien wird die Theorie immer lauter, dass es sich bei dem Attentat auf Premier Djindjic nicht nur um einen persönlichen Racheakt eines Netzwerks aus Ex-Paramilitärs und der serbischen Mafia gehandelt habe. Vielmehr sollen hinter dem Anschlag politische Ziele stehen.
"Die Ermordung von Zoran Djindjic hat einen politischen Hintergrund", sagte nun auch ganz offen Djindjics Nachfolger, Zoran Zivkovic. Er kündigte an, dass die "politischen Anstifter des Mordes an Djindjic" bestraft werden. Auf die Frage, ob in diesem Zusammenhang auch Parteien verboten würden, antwortete Zivkovic, dass darüber nicht die Regierung, sondern der Verfassungsgerichtshof entscheiden müsse.
An welche Parteien die DOS-Regierung dabei denkt, erläuterte Slobodan Orlic, Präsident der Sozialdemokraten: "Wir glauben, dass die politischen Anstifter dieser feigen Tat unter den Serbischen Radikalen und der Partei der Serbischen Einheit zu finden sind." Beide Parteien hätten einen "blutigen Frühling" angekündigt, argumentierte Orlic. Der wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagte Chef der Radikalen Partei, Vojislav Seselj, hatte sich am 24. Februar freiwillig dem UN-Tribunal im niederländischen Den Haag gestellt.
Schuldzuweisungen wie sie Orlic gemacht hat, werden auch kritisch betrachtet: "Mit solchen Aussagen muss man sehr vorsichtig sein", sagte der Parlamentspräsident von Serbien und Montenegro, Dragoljub Micunovic zur "Presse". Zuvor waren schon andere Stimmen laut geworden, die davor warnten, die Regierung könnte den Ausnahmezustand für parteipolitische Abrechnungen missbrauchen.
Es steht jedoch außer Zweifel, welch gefährliche Geisteshaltung Seseljs Radikale Partei vertritt. Als einzige Partei hat sie das Attentat auf Djindjic weder verurteilt, noch im Parlament an der Gedenkversammlung für den ermordeten Premier teilgenommen.
Die "Einheitspartei", die nun ebenfalls unter Verdacht geriet, wurde vom Paramilitärführer Zeljko Raznatovic, alias "Arkan", gegründet. Dessen Witwe, die Folk-Sängerin Ceca, wurde diese Woche wegen ihrer Verbindungen zu Milorad "Legija" Lukovic und dem Mafia-Paten Dusan Spasojevic verhaftet. Die beiden Männer werden von der serbischen Regierung zum unmittelbaren Täterkreis gezählt.
"Sie werden mich töten."
Der ermordete Premier Zoran Djindjic vertraute im Februar UN-Chefanklägerin Del Ponte seine Ängste an.
Dienstagabend erklärte Serbiens Innenminister Dusan Mihajlovic im serbischen TV, dass zwei der drei Scharfschützen, die Djindjic ermordeten, identifiziert seien. In allen Medien wurde ein Bild des dritten, bisher unbekannten Mörders gezeigt.
Der ermordete Premier Djindjic hatte offenbar gewusst, in welcher Gefahr er schwebte. Die Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals, Carla Del Ponte, berichtete in einem Interview mit der italienischen Zeitung "La Repubblica" über ihr letztes Treffen mit Djindjic am 17. Februar in Belgrad. Dabei habe er ihr seine Pläne für die gefährliche Reformierung des Polizeiapparats und der Armee dargelegt. Plötzlich habe er seine Erläuterungen abgebrochen und gesagt: "Sie werden mich töten." Die UN-Chefanklägerin berichtete auch, dass sie über die Existenz von Plänen zur Destabilisierung Serbiens Bescheid gewusst habe. Sie habe Djindjic darüber informiert, ohne ihm aber Details nennen zu können.
Über die Drahtzieher des Attentats schrieb nun die Bürgerrechtskämpferin Vesna Pesic in der Zeitung "Danas": "Der Zemun-Clan ist Teil des früheren mörderischen Establishments, das den 5. Oktober überlebt hat. Dieses organisierte Verbrechen ist Teil von Slobodan Milosevics Polizei und Armee." Pesic hatte 1996 und 1997 gemeinsam mit Djindjic und Vuk Draskovic die Anti-Milosevic-Opposition angeführt. Heute ist sie Botschafterin Serbiens in Mexiko. Sie schreibt weiter: "Massenmörder wurden beschützt - direkt, oder durch Politiker, die gegen ein Ausmisten waren. Statt die Sicherheitskräfte zu entwaffnen und neue zu schaffen, war das demokratische Regierungsbündnis DOS aber plötzlich von Angst befallen."