Verwundbarkeit schockiert USA

Dass eine so simple Ursache wie ein Blitz eine derartige Wirkung haben kann, lässt bei den US-Behörden die Alarmglocken schrillen.

WASHINGTON. Am Tag nach einem der größten Stromausfälle in der Geschichte dominiert eine simple Frage: Wie konnte das passieren? Angeblich war es ein Blitzeinschlag, der die Energieversorgung von 20 Millionen Menschen an der Ostküste der USA und in Kanada zusammenbrechen ließ. In New York waren 15 Millionen Menschen betroffen, die Bevölkerung bewahrte aber die Ruhe. In Kanada kam es während des Blackouts in Ottawa und Toronto zu Ausschreitungen.


Ausgesteckt Diashow: Mega-Blackout in New York Dass eine so simple Ursache wie ein Blitz eine derartige Wirkung haben kann, lässt bei den US-Behörden die Alarmglocken schrillen. Zeigt es doch, wie verletzlich die Infrastruktur der Supermacht auch gegenüber einem möglichen Terroranschlag ist. US-Präsident George W. Bush sprach von einem "massiven, nationalen Problem" und kündigte eine detaillierte Untersuchung an.

Der Gouverneur des US-Bundesstaates New York, George Pataki, führte die Kritik an der Bundesregierung am Freitag an. Nach den vielen, riesigen Zusammenbrüchen des Stromnetzes in den USA - 1996 in Kalifornien und anderen westlichen Bundesstaaten, 1977 in New York, der bisher größte 1965 mit 25 bis 30 Millionen Betroffenen - müsse man fragen, warum keine Schritte unternommen wurden, um solche Vorfälle zu verhindern, so Pataki.

Tatsächlich hat die Politik der US-Regierung wesentlich zu diesen Ausfällen beigetragen. Die Stromversorgung ist durchwegs privatisiert. Mit Blick auf hohe Renditen investieren die Unternehmen kaum in das Versorgungsnetz, das gerade an der Ostküste großteils noch aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs stammt, sondern operieren am Limit. Untersuchungen zeigen, dass der Strombedarf in den Vereinigten Staaten in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen ist. Zugleich haben die Unternehmen die Netzkapazität aber nur um 15 Prozent erhöht.

Gerade an einem heißen Sommertag wie dem Donnerstag führt das zu Problemen: Die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren und konsumieren laut Studien 30 Prozent der Energie. Spitzen können das ohnehin überlastete System weiter belasten und zu Problemen führen. Der Ausfall vom Donnerstag traf ein Gebiet, in dem 50 Millionen Menschen leben. New York, Detroit, Cleveland und die beiden kanadischen Städte Toronto und Ottawa waren ohne Energie.

Im Big Apple saßen 350.000 Menschen in den U-Bahnen fest, Hunderte mussten aus Aufzügen befreit werden, der Verkehr in der Millionenstadt brach auf Grund des Ausfalls der Ampeln völlig zusammen. Zehntausende Menschen, die zu Fuß nach Hause gingen, drängten sich in den Straßenschluchten. Alle Brücken, die in die Stadt führten, wurden für den Verkehr gesperrt.

Weil Hotels binnen kürzester Zeit ausgebucht waren, mussten hunderte Pendler die Nacht auf Freitag auf der Straße, auf Bahnhöfen oder in Parks verbringen. Die Katastrophen-erprobten New Yorker Behörden stellten Zelte auf und richteten Notunterkünfte in öffentlichen Gebäuden und Turnhallen ein. Die drei Flughäfen der Stadt wurden durch den Ausfall lahmgelegt, Dutzende Flüge fielen aus oder mussten umgeleitet werden.

Erst Freitag Früh (Ortszeit) konnte die Stromversorgung großteils wiederhergestellt werden. Der Stadtteil Manhattan war einer der letzten, der um 7.44 Uhr wieder mit Energie versorgt wurde, rechtzeitig vor der Eröffnung der Börse. An der Wall Street sei es durch den Zusammenbruch, der sich nach Ende des Handelstages ereignete, zu keinen Problemen gekommen, alle Daten seien gesichert worden, hieß es. Hätte es am Freitag keinen Strom gegeben, hätte die Börse auf ein spezielles Notsystem zurückgreifen können. Weniger gut erging es der UNO: Das Hauptquartier blieb geschlossen, die internationale Diplomatie machte Pause. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg gab Stadtangestellten, die nicht unbedingt benötigt wurden, arbeitsfrei.

Warnungen werden nun auch in Österreich laut: Auch hier sei die Kapazitätsreserve ständig am Sinken, da seit zehn Jahren kein neues Kraftwerk mehr gebaut wurde. "Um dann Engpässe zu vermeiden, müssen wir jetzt mit der Planung neuer größerer Kraftwerke beginnen, denn bis zur Inbetriebnahme dauert es acht bis zehn Jahre", betont Verbund-Chef Hans Haider im "Presse"-Gespräch.

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