Die Rede von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat hat nicht nur viel über den Irak verraten, sondern vor allem auch über die Möglichkeiten der US-Geheimdienste.
WIEN. Der Mitarbeiter des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz, eine Art Inlands-Geheimdienst, ist auch am Tag danach sichtlich irritiert. "Daß man derart sensible Geheimdienstinformationen offenlegt hat, ist einzigartig."
Tatsächlich hat die Rede von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat vor allem bei einer Personengruppe für Verwunderung gesorgt: Bei Mitarbeitern von Nachrichtendiensten. Satellitenphotos, Informationen von Spionen und aufgezeichnete Telephongespräche - selten hat ein Land so offen gezeigt, was seine Geheimdienste können.
Vor allem die Mitschnitte der Telephongespräche, die Powell der Welt vorgespielt hat, zeigen eines ganz klar: Wie verzweifelt die Amerikaner beweisen wollen, daß der Irak Waffen vor den Inspektoren der UNO versteckt hat. "Noch nie zuvor gab es den Mitschnitt eines belauschten Gesprächs öffentlich zu hören", erklärt ein Mitarbeiter des Heeres-Nachrichtenamts, das den Funk- und Telephonverkehr in Österreichs Nachbarländern für militärische Zwecke belauscht.
Abgehörte Gespräche gehörten bisher zu den bestgehüteten Geheimnissen der Lauschbehörde National Security Agency. Nur zweimal gab man bisher den Wortlaut von belauschten Gesprächen bekannt: 1996, als kubanische Kampfpiloten ein Flugzeug von Exil-Kubanern abschossen; und 1986 nach dem Anschlag auf die Berliner Disco "La Belle", um die Verwicklung Libyens in den Anschlag zu beweisen. Sonst hieß es stets nur, es gebe Informationen der "communication intelligence". Nicht einmal befreundeten Diensten wurde Rohmaterial zur Verfügung gestellt.
Künftig darf die NSA nicht mehr darauf hoffen, ähnliche Erfolge im Irak erzielen zu können. Denn jetzt wird man sich zweimal überlegen, was man am Telephon sagt. Die Iraker werden nun auch ihre Kommunikationskanäle für einen künftigen Krieg sicherer zu machen.
Zurückhaltung verordnete CIA-Chef George Tenet, der während der UN-Rede hinter Powell saß, offenbar bei der Veröffentlichung der Satellitenphotos. Die hätten eine relativ grobe Auflösung gehabt, sagt ein Heeresexperte der "Presse". Er vermute, daß man die Auflösung absichtlich etwas schlechter machte, um nicht die wahre Qualität der Spionagesatelliten zu enthüllen. Daß man aber überhaupt Photos hergezeigt habe, sei schon beachtlich.
Klassisch haben sich die US-Geheimdienste die Informationen zu den mobilen Waffenlabors besorgt. Powell erklärte, daß die Hinweise von vier Personen kamen, unter anderem von einem Chemiker. Die Hinweise auf "Quellen" in der Umgebung von Saddam Hussein und dessen Sohn Qusai dürften im Irak zu einer großangelegten Suche nach dem Verräter führen.
Daß manche US-Politiker nach der Rede Powells erklärten, man habe nur "die Spitze des Eisbergs enthüllt" (Senator Pat Roberts), dürfte mit den weltweit eher zurückhaltenden Reaktionen zu erklären sein. "Es macht wenig Sinn, etwas zurückzuhalten, wenn man geheimdienstlich derart die Hosen heruntergelassen hat", meinte ein österreichischer Verfassungsschutz-Experte.