George W. Bush ersuchte um mehr internationales Engagement im und um mehr Geld für den Irak.
washington. Die Reaktionen auf die "Rede an die Nation" von US-Präsident George W. Bush, in der er von der internationalen Gemeinschaft ein stärkeres Engagement im Irak und vom US-Kongress mehr Geld verlangte, waren in den USA zwiespältig.
Der sonst sehr Bush-kritische demokratische Senator Joseph Biden sagte der Administration Unterstützung zu, bezeichnete die finanzielle Seite als lösbares Problem und beurteilte die Rede insgesamt positiv. Bushs Parteifreund, der Republikaner Chuck Hagel, zeigte sich hingegen in einem CNN-Interview eher enttäuscht: Er vermisse Antworten auf einige Fragen, etwa, was weiter mit den US-Truppen passiert.
Während US-Präsident George W. Bush also Sonntag Abend in seiner "Rede an die Nation", ausgestrahlt von den fünf wichtigsten TV-Stationen, eingestehen musste, dass die USA die Situation im Irak nicht mehr alleine lösen können, war er in einem zeitgleich laufenden Dokumentations-Drama des Senders "Showtime" der große Held, der die Krise nach dem 11. September souverän meisterte.
Zwei ganz verschiedene Fernseh-Erlebnisse: In dem TV-Film "Time of Crises" hatte der US-Präsident einen starken Auftritt: "Bringt mich nach Washington, das amerikanische Volk will seinen verdammten Präsidenten sehen." Auf den Einwurf, es sei zu gefährlich in D.C., reagierte er so: "Wenn mich so ein großmäuliger Terrorist will, bitte. Ich bin zu Hause."
In seiner realen Rede wiederum ging Bush - bedrängt von schlechten Nachrichten aus dem Irak und von schlechten Umfragewerten - in die Offensive, um die Amerikaner "über die Fortschritte im Krieg gegen den Terror auf dem Laufenden zu halten". Terror war es denn auch, den der US-Präsident wohl kalkuliert vier Tage vor dem zweiten Jahrestag des 11. September immer wieder nannte und immer wieder mit Irak in Verbindung brachte.
Und er beharrte auch: Der Irak habe Massenvernichtungswaffen besessen und auch eingesetzt. Deshalb habe Amerika einschreiten müssen, und auch, um einen "Ort der Folterkammern und Massengräber" in einen Ort von Recht und Freiheit zu verwandeln. Doch damit sind die USA mittlerweile überfordert und das musste Bush einem Millionenpublikum auch eingestehen. Zwar betonte er, seine Militärs hätten ihm gesagt, die derzeit eingesetzten 130.000 Mann seien für den Einsatz ausreichend, allerdings: Die Militärs hätten um eine "dritte, multinationale Einheit" für den Irak-Einsatz ersucht.
Daraus resultierte eine Bitte: "Nicht alle unserer Freunde haben mit unserer Entscheidung, den Resolutionen des Sicherheitsrats Geltung zu verschaffen und Saddam Hussein zu entmachten, übereingestimmt", meinte Bush mit Blick auf Deutschland, Russland und Frankreich. "Aber die Differenzen der Vergangenheit dürfen nicht unsere Pflichten der Gegenwart beeinträchtigen."
Die gerade noch moderaten Töne klangen aber schnell wie Forderungen. Im Irak würden Terroristen Vertreter der zivilisierten Welt angreifen. Die Mitglieder der Vereinten Nationen hätten nun "die Gelegenheit und auch die Pflicht, eine größere Rolle im Irak zu übernehmen". Die Region werde entweder ein Ort des Friedens oder ein Exporteur von Terrorismus. Europa, Japan und viele Staaten der Region würden vom Einsatz der USA in Afghanistan und Irak profitieren, deshalb sollten sie auch zum Erfolg beitragen. Der Ruf nach Hilfe kommt vor der UN-Generalversammlung Ende September, bei der Außenminister Colin Powell intensiv um Unterstützung für die USA und den Einsatz einer multinationalen Truppe im Irak werben wird.
Neben dem militärischen Problem haben die USA auch mit einem finanziellen zu kämpfen. 87 Milliarden Dollar will Bush zusätzlich vom Kongress. Bisher hat man 150 Milliarden Dollar in den Einsatz im Irak gesteckt, fast doppelt so viel wie in den ersten Golfkrieg.
Bush lehnte in seiner Rede zwar die Forderung nach zusätzlichen Streitkräften ab, sprach aber keine Rotation oder Ablöse von Soldaten an. Vielmehr schwor er seine Landsleute auf weitere Belastungen ein. Es werde "Zeit dauern und Opfer kosten", bis die "Feinde der Freiheit" geschlagen seien. Wenn die Terroristen gehofft haben, die USA würden sich bei Angriffen, so wie damals in Somalia, zurückziehen, dann hätten sie sich diesmal getäuscht. "Wir werden unsere Aufgabe erfüllen." 17 Minuten dauerte die erste "Rede an die Nation" seit Mai. Damals hatte Bush auf einem Flugzeugträger das Ende der großen Kampfhandlungen im Irak verkündet.